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Manche Ansichten aus dem Altwerk wirken, als sei die Zeit einfach stehen geblieben.

Alte Werksräume von Opel

Die Schönheit des Altwerks

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Für Miriam Claudi ist Rüsselsheim nicht nur Lebensraum, sondern auch Ort ihres kreativen Schaffens. Die Fotografin setzt sich aus einer künstlerischen Perspektive mit der Stadt auseinander und hat dabei vor allem an ungewöhnlichen Orten Gefallen gefunden. Besonders angetan hat es ihr das Opel-Altwerk.

Wenn Miriam Claudi auf den Auslöser ihrer Kamera drückt, fängt sie die Vergänglichkeit des Augenblicks ein. Das Opel-Altwerk hat es der Fotografin, Wahl-Rüsselsheimerin seit 2009, besonders angetan. Das Spiel von Licht und Schatten in den Fabrikhallen, längst vergessene Warntafeln an Ventilen, Spinnweben und der Staub der Jahre bilden das Ensemble, mit dem sie ihre Fotos gestaltet. Was sie fasziniert ist das Vergängliche, der Lauf der Zeit und wie dieser seine Spuren hinterlässt. „Im Altwerk wirkt es, als sei die Zeit stehen geblieben. Als ich das erste Mal da drin war, wurden meine Augen groß und größer“, erinnert sich die Fotografin. Die verlassenen, ungenutzten Räume bildeten ihre eigene Welt. „Die Räume haben ihre Funktion verloren, befinden sich in einer Art Übergang. Das ist das Schöne daran“, sagt Claudi.

Auch für eine Außenstehende sei schnell greifbar, welche Bedeutung das Altwerk für die Stadt Rüsselsheimer und die Menschen, die hier leben, hat. „Das ist natürlich ganz zentral.“ Nach ihrem ersten von Opel abgesegneten Besuch in den leeren Hallen durfte sie wiederkommen. „Ich musste mich nur immer beim Pförtner melden, dann konnte ich durch jede Tür, die nicht verschlossen war“, berichtet Claudi. Und das waren die meisten. „Besonders spannend war das System von Gängen im Keller. Das hat einen morbiden Charme, der mich gereizt hat.“

Innerhalb eines halben Jahres stattete sie dem Altwerk rund 15 Besuche ab, kam meist dann, wenn das Licht für ihre Fotos günstig stand, also am frühen Abend oder am Morgen. „Wenn die Schatten am längsten sind“, erklärt sie. In den dunklen Ecken des Altwerks baute sie ihr Stativ auf und ließ mit langen Belichtungszeiten Werke von verstörender Eindringlichkeit, die von Verlust und Verfall erzählen, entstehen.

Solche Motive und Themen gehören zu den liebsten Beschäftigungsfeldern der Fotografin, die 1963 in Emden, Ostfriesland, geboren wurde. Erste akademische Erfahrungen in Sachen Fotografie sammelte sie in den 1980er Jahren in Essen und Kassel, praktische Erfahrungen kamen in den Sommerklassen der Kokoschka-Schule in Salzburg hinzu. Ende der 80er verdiente sie dann Geld mit ihren Fotos, und zwar als Fotografin für die Emder Zeitung. Von 1994 bis 1997 studierte sie zudem Sozialpädagogik in Emden mit den Schwerpunkten künstlerische Methodik und kulturelle Bildung. Anschließend zog es das Nordlicht in das Rhein-Main-Gebiet. Bis 2007 arbeitete Claudi in Frankfurt als Bildungsreferentin. Seit 2009 ist sie an der Volkshochschule in Frankfurt für die Planung des Kunst- und Kulturprogramms zuständig. Zudem arbeitet sie als freie Fotografin mit einem Faible für Stadt-, Pflanzen-, und Menschenportraits.

Mit dem Druck auf den Auslöser in den dunklen Ecke des Altwerks war für Claudi die Arbeit noch lange nicht erledigt. Den größten Aufwand betreibt sie bei der Bearbeitung ihrer Werke am heimischen Computer. Bis ein Foto genau die Wirkung erzielt, die sie sich wünscht, kann es schon einmal vier bis fünf Stunden dauern. Dann erinnern sie an die Werke der alten Meister, versprühen den Charme barocker Gemälde. „Die Bilder bekommen ihren eigenen Charakter“, sagt die Fotografin.

Abgeschlossen hat sie mit ihrer Serie über das Altwerk übrigens noch nicht. „Es sind ein paar andere Dinge dazwischen gekommen, aber eigentlich würde ich gerne noch weitermachen“, sagt sie. Und sie möchte gerne mit den Fotos einen Kalender produzieren. „Dazu müsste ich aber den passenden Partner für den Vertrieb und so weiter finden“, sagt sie. Bisher sei eine solche Kooperation noch nicht in Sicht.

Macht aber nichts, schließlich gibt es in Rüsselsheim noch viel mehr mit der Kamera zu entdecken. An spannenden Motiven mangelt es Claudi jedenfalls nicht. Der Vernapark etwa biete ebenfalls spannungsgeladene und interessante Motive. „Das ist auch so ein Ort, der eine Zeit ausstrahlt, die sich nicht im Jetzt bewegt“, sagt sie.

Mehr Informationen zur Fotografin Miriam Claudi und ihrer Arbeit im Opel-Altwerk gibt es unter im Internet. Dort lassen sich auch alle bisherigen Bilder ihrer Serie ansehen.

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