Er den Wein, sie den Kaffee - gemeinsam genießen Holger Schmittel und Britta Hartmann die Rückkehr der Getränkestände auf dem Wochenmarkt.
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Er den Wein, sie den Kaffee - gemeinsam genießen Holger Schmittel und Britta Hartmann die Rückkehr der Getränkestände auf dem Wochenmarkt.

Wochenmarkt in Rüsselsheim

Schoppen petzen und Freunde treffen

In der Genießerzone dürfen die Besucher wieder essen und trinken

Rüsselsheim -Endlich darf auf dem Wochenmarkt wieder gegessen und getrunken werden. Bei herrlichem Sonnenschein und gebührendem Sicherheitsabstand begrüßten die Rüsselsheimer am Samstag die Lockerungen.

"Aah, das hat mir gefehlt!" Freudestrahlend tritt Holger Schmittel an den Stand des Weinguts Blümel. Viele Monate hatte der Weinstand auf dem Rüsselsheimer Wochenmarkt gefehlt, wie auch die anderen gastronomischen Angebote. Einkaufen auf dem Markt, das ging auch mit Maske. Freunde treffen, Schoppen petzen, Bratwurst essen - das war schon schwieriger. Seit diesem Samstag sind Apfelwein, Wein und Kaffee wieder legal auf dem Wochenmarkt.

Ein Lächeln für die Kunden

Eine dicke Plexiglas-Scheibe erlaubt es dem Winzer Sebastian Blümel, die Besucher ohne Maske anzulächeln, während er Holger Schmittel den Wein einschenkt. Seit mehr als zehn Jahren gehört der Osthofener Winzer zum Inventar auf dem Rüsselsheimer Markt. Die Corona-Maßnahmen haben seinen Familienbetrieb hart getroffen. Die Straußwirtschaft in Osthofen war ebenfalls wochenlang verriegelt. Umso glücklicher ist er, dass er endlich auch wieder Rüsselsheim anfahren kann. Mit den Pandemie-Regeln kann er gut leben. "Es ist ein Kompromiss", urteilt er.

Der Darmstädter Architekt Karl Gruber hatte den Marktplatz nach dem Krieg in seiner heutigen Form geplant. Die besonderen Anforderungen einer globalen Pandemie hatte der honorige Stadtplaner damals natürlich noch nicht im Blick. Was Professor Gruber in den 50er-Jahren vergaß, erledigt 2020 nun ein rot-weißes Flatterband. Das westliche Drittel des Marktplatzes ist damit abgesperrt. Es gibt einen Eingang und gegenüber einen Ausgang. Nur im Inneren dieser Absperrung, die die lokalen Genießer von den anderen Marktbesuchern trennt, darf die Maske am Tisch abgezogen werden, damit das Schnitzelbrötchen und die Weißweinschorle einen Weg in den Körper finden können.

Corona bleibt Gesprächsthema

"Auch wenn die Getränke jetzt wieder zum geselligen Beisammensein einladen, erinnere ich Besucherinnen und Besucher an die Abstands- und Hygieneregeln, die einzuhalten sind", mahnt Oberbürgermeister Udo Bausch. Als Virus mag Corona an diesem Samstagmorgen dem Markt hoffentlich fernbleiben, als Gesprächsthema ist es in aller Munde. Gut gelaunt diskutiert die Stadtgesellschaft auf dem Markt die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ("chaotisch!"), die Proteste der Maskengegner in Berlin ("idiotisch!") und die Rückkehr des Marktes aus der Corona-Pause ("herrlich!").

Die kürzeste Anreise hat eindeutig die Kelterei Hartmann. 57 Meter Luftlinie ist der Betrieb vom Marktplatz entfernt. Drei junge Männer stehen vor dem Ausschank-Wagen der Kelterei. "Wir sind froh, wieder zusammenstehen zu können", sagt Eintracht-Fan Daniel. "Eigentlich ist es gar nicht so anders wie vorher." Den Apfelwein vom Hartmann schätzt er sehr. "Schmeckt lecker und der Preis ist gut. Der Kelterer ist ein guter Typ", urteilt Daniel. Auch den Apfelsaft und den heißen Apfelpunsch, den es in der Winterzeit gibt, kann er empfehlen. "Natürlich nimmt man dann auch mal einen Bund Möhren mit." Er und seine Kumpels schätzen am Wochenmarkt aber besonders das gesellige Beisammensein.

Ähnlich geht es auch Holger Schmittel, der sich mit dem Blümel-Wein in der einen Hand und einem Schnitzelbrötchen vom Metzger Mahr in der anderen zu Britta Hartmann gesellt hat. Die Dame trinkt einen Latte macchiato. "Alkohol um die Zeit ist noch nichts für mich", winkt sie lachend ab. Auch die beiden freuen sich, dass ihr Treffpunkt wieder da ist. Sie versuchen, den Markt jede Woche zu besuchen. "Wenn die Maske alles ist, was wir in Deutschland ertragen müssen, dann haben wir richtig Glück gehabt", urteilt Schmittel mit Blick auf das Corona-Geschehen in anderen Ländern. Einen Geheimtipp für hungrige Marktbesucher hat er auch noch: Die Windbeutel vom Café am Markt seien klasse, schwärmt er.

Rüsselsheim sei schon sehr spät dran, kritisieren einige Standbetreiber. Andere Wochenmärkte hätten schon vor Monaten vergleichbare Regeln eingeführt. Der Marktmeister sei ein wenig eigen, bemerkt ein Marktbeschicker hinter vorgehaltener Hand. Aber nach Meckern ist an diesem herrlichen Samstag keinem zumute. Die Stimmung ist gut, die Menschen sind da, der Markt ist zurück. Es gilt, die letzten sonnigen Tage zu genießen, bevor der Winter Rüsselsheim erreicht. Jan Stich

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