+
Vom Lesen und Schreiben sind viele Kinder in der Grundschule weit entfernt. Zu groß sind die Defizite in der Sprachentwicklung.

Bildung

Schulanfänger weisen Defizite in Deutsch auf

  • schließen

Werden Kinder eingeschult, sollten sie sich gut auf Deutsch verständigen können. Die Realität sieht in Rüsselsheim mitunter anders aus. Im Landratsamt startet bald ein Programm, mit dem Betroffenen geholfen werden soll.

Bei hiesigen Schulanfängern sind Sprachdefizite zum Teil größer als im Landesdurchschnitt. Das geht aus dem Kindergesundheitsbericht hervor, der die Auswertung der Daten von 2009 bis 2014 enthält.

Der Anteil der Kinder mit „auffälliger auditiver Informationsverarbeitung“, festgestellt durch das Nachsprechen selektiver Sätze, lag demnach 2014 in Rüsselsheim bei knapp 36 Prozent, im Jahr davor bei rund 38,5 Prozent. Während die Opel-Stadt im Kreis Groß-Gerau damit ungefähr im Durchschnitt lag, war die Situation hessenweit entspannter. In beiden genannten Jahren lag der Anteil der auffälligen Kinder lediglich bei knapp 14 Prozent.

Bei einer anderen Untersuchungsmethode, dem Nachsprechen von Pseudowörtern, schnitten Rüsselsheimer Kinder besser ab. Bei Pseudowörtern handelt es sich in diesem Zusammenhang um Wörter, die deutsch klingen, also leicht nachzusprechen sind, aber keine Bedeutung haben. Mit ihnen hatten 2014 lediglich knapp sechs Prozent der Kinder Probleme, die als auffällig eingestuft wurden. Damit waren es sogar weniger als im Kreis- und Landesdurchschnitt. Diese Werte lagen bei zwölf beziehungsweise knapp acht Prozent. Im Vorjahr hatte Rüsselsheim mit gut zwölf Prozent noch auf dem Kreis- und über dem Landesniveau gelegen.

Bei der Schuleingangsuntersuchung im vergangenen Jahr hatten kreisweit fast 35 Prozent der Kinder Schwierigkeiten mit selektiven Sätzen. Bei Pseudowörtern galt das für knapp 15 Prozent. In den beiden Jahren zuvor waren die Werte ähnlich. Gesonderte Daten liegen hier weder für Rüsselsheim noch für Hessen vor.

Mit einem sogenannten Sprachscreening will der Kreis ab Herbst frühzeitig Förderbedarf bei der Sprachentwicklung feststellen. Das hat das Landratsamt auf Nachfrage dieser Zeitung mitgeteilt. Zurzeit werden demnach die ersten Befunde bei der Schuleingangsuntersuchung erhoben. Das „Screening“ soll bei Kindern im Alter von vier Jahren vorgenommen werden und so Betroffenen schon wesentlich früher eine Förderung ermöglichen. Das Konzept wird von einer Arbeitsgruppe mit Beteiligung des Jugendamtes und des Gesundheitsamtes erarbeitet. „Mehr lässt sich derzeit noch nicht dazu sagen“, sagte eine Kreis-Sprecherin.

Dass Sprachdefizite zunehmen, beobachtet auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. „Wir müssen dabei aber zwischen medizinischen und sozialen Ursachen unterscheiden“, äußerte sich Sprecher Hermann Josef Kahl gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (DPA). Bei medizinischen Gründen gehe es zum Beispiel um Lispeln, Lallen oder auch um Hörprobleme.

Weitaus häufiger seien heute jedoch soziale Ursachen wie mangelnde Deutschkenntnisse von Kindern mit ausländischen Wurzeln. Oder auch Eltern, die mit ihren Kindern zu wenig Sprechen übten. „Wir werden meist von Eltern bedrängt, ihre Kinder zum Logopäden zu schicken. Wir sehen hier aber oft zuerst auch die Eltern in der Pflicht“, sagte Kahl der DPA.

Im Rüsselsheimer Rathaus hat man indes gemeinsam mit der Volkshochschule ein Konzept erarbeitet, mit dem alltagsintegrierte Sprachförderung in den Kitas umgesetzt werden soll.

Soll heißen: Kinder mit Unterstützungsbedarf werden nicht mehr gesondert unterrichtet, sondern im Alltag gefördert – etwa beim Spielen, Essen oder Singen. „Von diesem inklusiven Ansatz profitieren letztlich alle Kinder“, ist Bürgermeister Dennis Grieser (Grüne) überzeugt. In zwölf städtischen Kitas werden für vier Jahre zusätzliche Fachkräfte mit einer halben Stelle vom Bund gefördert. Schließlich gibt es noch eine Fachberatung, die mit den Kita-Leitern zusammenarbeitet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare