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Das undatierte Archivfoto zeigt zwei deutsche Infanterie-Soldaten bei den Straßenkämpfen um Stalingrad.

Geschichte

Von der Schulbank in den Tod: Das vergessene Schicksal einer Rüsselsheimer Abiturgeneration

Vor 80 Jahren legten die ersten Abiturienten in Rüsselsheim ihre Prüfung ab. Der Historiker und Lehrer der Immanuel-Kant-Schule, Dr. Franz Horvath, erinnert an das grausame Schicksal der Schüler.

Vor 80 Jahren, im Februar 1939, legten die ersten Schüler in Rüsselsheim ihre Abiturprüfung an der damaligen „Oberschule für Jungen“ ab, aus der später das Kant-Gymnasium wurde. Am 1. September 1939 begann allerdings mit dem Überfall des Nazireichs auf Polen der Zweite Weltkrieg. Das Abitur konnte daher wegen der Kriegsumstände nur bis 1943 abgelegt werden. Bis dahin erlangten 75 Schüler die Hochschulreife, zehn Mädchen und 65 Jungen. Die Jahrgänge, die 1944 und 1945 hätten die Abiturprüfung absolvieren sollen, konnten dies erst 1946 in zwei Sonderlehrgängen tun.

Zeugnis der Reife

Über die erste Abiturprüfung hielt der Jahresbericht der Schule fest: „Prüfungsarbeiten wurden geschrieben in Deutsch, Geschichte, Mathematik und Physik (alle Schüler) und in Latein (1 Schüler). Die mündliche Prüfung wurde am 16. Februar 1939 abgehalten unter dem Vorsitz des Studiendirektors Lampas, der besonderem Auftrage zufolge zugleich Regierungsvertreter war. Alle Schüler wurden geprüft in Biologie und Geschichte. Die mündliche Reifeprüfung begann um 9 Uhr und endete um 14 Uhr. Dabei zeigten sich die Schüler in jeder Weise den Prüfungsanforderungen gewachsen. Aufgrund ihrer Jahresleistungen, der Ergebnisse der schriftlichen und mündlichen Prüfung konnte ihnen das Zeugnis der Reife für höhere Berufsstudien erteilt werden.“

Nach 1939 wurde in den letzten beiden Klassen eine Gabelung durchgeführt, so dass ein mathematisch-naturwissenschaftlicher und ein sprachlicher Zweig entstanden. Die damaligen Lerninhalte waren – vor allem in Biologie und Geschichte – vom NS-Geist durchzogen. Auch die Abiturfeier stand unter der Regie der NS-Diktatur.

So zeigt etwa das Programm der Abiturfeier 1940 nicht nur einen großen Anteil an klassischem, bildungsbürgerlichem Kulturgut wie Liedern und Gedichten. Es wurden auch ein Militärmarsch gespielt, ein Gedicht mit der Überschrift „Volk und Heimat“ rezitiert und „Sieg Heil“ gerufen sowie die Nationalhymne gesungen.

Einer Zusammenstellung aus dem Jahr 1942 können die Berufswünsche aller Abiturienten seit 1939 entnommen werden: „Technisches Studium“ gaben jedes Jahr zwei bis sieben Schüler als Wunsch an. Viele wollten Offiziere werden, was zeigt, dass die offizielle Propaganda und der NS-Heldenkult verfangen hatten. Bedenkt man aber, dass bereits 1935 etwa 97 Prozent der Schüler der Oberschule Mitglied in einer NS-Organisation waren, ist dies nicht überraschend.

Viele Abiturienten wollten Jura studieren oder strebten die Beamtenlaufbahn sowie das höhere Lehramt an. Bemerkenswert ist der Berufswunsch „Auslandskorrespondent“, den man in „Korrespondentin“ hätte umbenennen müssen, gaben dies doch fast nur Mädchen als erwünschten Broterwerb an. Über die Gründe für die Popularität dieses Berufs gerade in der Kriegszeit können nur Annahmen gemacht werden: Hofften die Abiturientinnen dadurch, dem Regime und seinem Frauenbild zu entkommen?

Flak- oder Arbeitsdienst

Die Abiturienten mussten damit rechnen, zu einem Flak- und später zum Arbeitsdienst oder dem Militär einberufen zu werden. Von den 75 Abiturienten der Jahre 1939 bis 1943 sind 22 im Krieg gefallen, was einer Quote von 29 Prozent entspricht.

Folgende Namen von im Krieg gestorbenen Abiturienten sind überliefert: Georg Jäger, Werner Kraft, Alfred Rischer und Dieter Karl Stroh (Abitur-Jahrgang 1939); Karl Diehl, Georg Jäger und Willi Krieger (Jahrgang 1940); Wilfried Braun, Wolfgang Gentzsch, Ethelbert Leber, Georg Schmitt und Heinz Sinner (Jahrgang 1941); Franz Beckmann, Arno Kaiser, Wilhelm Merz, Fritz Metzger, Walter Gesser, Adam Klappich, Hans Nasemann (Jahrgang 1942); Franz Bossong, Karl Steinmann und Georg Weinmann (Jahrgang 1943). Sie stammten aus Rüsselsheim, Trebur, Kelsterbach, Walldorf und Flörsheim.

Die anderen Schüler, die zu jung für den Kriegseinsatz waren, wurden wegen der Luftangriffe auf Rüsselsheim unter anderem nach Sprendlingen evakuiert, so dass sie die Beschädigungen ihrer Schule nur aus der Ferne mitbekamen. Die Folgen des Kriegs trugen sie allerdings genauso wie die Rüsselsheimer Bevölkerung noch jahrelang mit.

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