Tierschutz

Schwanen-Mama über Nacht

Nach der Hunde-Attacke auf die zwei brütenden Schwäne am Main-Ufer kümmert sich Familie Menssen um die frisch geschlüpften Küken.

Wer dieser Tage die Familie Menssen besucht, wird hinter dem Eingangstor nicht nur von Hund Sunny lautstark begrüßt. Ein großer Schwimmsessel in Form eines Schwans thront auf dem Auto des Ehepaares. „Ein Geschenk von den Kollegen meines Mannes“, sagt Bianca Menssen schmunzelnd. Auch im Büro hat sich die Neuigkeit schon herumgesprochen: Die Menssens sind Pflegeeltern von acht kleinen Schwänen.

Im Garten der Familie hat sich ein Eldorado für Schwanenkinder entwickelt. Die Motorradhütte von Mathias Menssen wurde kurzerhand zur Kinderstube umfunktioniert, mit einem kleinen Gitter ein Auslauf eingerichtet. Zwischen dem weichen Handtuch und einer mit frischem Wasser gefüllten Terracotta-Schale pendeln, laut fiepend, acht Küken.

Dass es den Tieren so gut geht, ist nicht selbstverständlich. Vor gut drei Wochen war es am Main-Ufer zu einem fatalen Hundeangriff auf ein brütendes Schwanenpaar gekommen. Es floh und ließ acht Eier zurück. Anwohner, die den Vorfall verfolgt hatten, handelten.

Die Familie Menssen nahm sich der Eier an, kontaktierte eine Wildschutzorganisation. Zu dem Zeitpunkt waren die Eier schon über 20 Stunden unbebrütet. „Man sagte uns, dass die Chancen, noch Leben in den Eiern zu finden, gleich Null wären“, erzählt Bianca Menssen. Probieren wollte sie es dennoch.

Bei Andreas Wenzel vom Geflügel- und Vogelzüchterverein Nauheim fand sie Unterstützung. In seinem Brutkasten brachte er die Eier auf die notwendige Temperatur, wendete sie, besprühte sie mit Wasser. Bei der Durchleuchtung stellte er fest: In allen Eiern bewegt sich etwas. Wenzel brachte die Eier zu den Menssens. Kurz darauf zeigten sich die ersten Risse auf den Schalen.

„Am 11. Mai sind zwei Küken geschlüpft. Abends kamen zwei weitere. Am Samstag waren es schon sieben“, berichtet Menssen. Das letzte sei in der Nacht von Samstag auf Sonntag geboren worden. Seitdem wachsen die Kleinen fleißig.

Noch haben sie nicht ihr Erwachsenen-Federkleid. Der Baby-Flaum, der sie bedeckt, ist so flauschig, wie er aussieht. „Drei Albinos sind darunter, das erkennt man an den hellen Füßen“, weiß Menssen. Das Geschlecht dagegen lässt sich erst im Alter von vier Jahren bestimmen. Namen haben die Tiere keine. „Wenn ich ihnen welche gebe, kann ich sie nicht mehr hergeben“, meint sie und lächelt wehmütig.

In spätestens sechs Wochen müssen die Tiere umziehen. Dann wird der Garten zu klein und die jungen Schwäne brauchen Platz zum Schwimmen. Menssen hofft, bis dahin eine Lösung gefunden zu haben. Noch sucht sie nach einem neuen Quartier für die Vögel.

Bisher haben Rüsselsheimer Bürger in vielen Bereichen helfen können: Moralische Unterstützung und Futterspenden gebe es zuhauf. „Das ist eine feine Sache“, findet sie.

„Es ist schon kostspielig, die Tiere aufzuziehen“, gibt Menssen zu. Viel Zeit brauche man außerdem. Momentan ist die gelernte Frisörin und Bürokauffrau in Vollzeit für die Schwäne da, kümmert sich um genug Zuneigung und Futter. „Die Kleinen fressen Teichlinsen“, verrät sie. Insgesamt hat die Rüsselsheimerin viel dazugelernt. Tiere zu retten dagegen zählt bereits lange zu ihren Hobbys. „Ich hab schon als Kind alles nach Hause geschleppt“, sagt sie lachend. Vom Frettchen über Küken bis hin zu Streifenhörnchen sei alles dabei gewesen.

Zuletzt hatte die Familie 2013 ein verletztes Schwanenküken am Main-Ufer gerettet: Nach dem Tierarztbesuch verbrachte es die Nacht bei den Menssens und wurde am nächsten Tag zu den Eltern zurückgebracht.

Eine glückliche Auswilderung an den Main schließt Bianca Menssen auch dieses Mal nicht aus. Ihr Mann habe sich schon ein Stand-Up-Paddling-Brett bestellt. Und wer weiß? Vielleicht begleitet er die gefiederten Zöglinge ja eines Tages auf dem Fluss.

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