Frühstück im Park

Shanty Chor singt von der Sehnsucht nach dem Meer

Der Auftritt des Shanty Chors am Sonntag beim Weinfest im Verna-Park gehörte zu den letzten öffentlichen Darbietungen der Herren und Damen in Blau und Weiß. Ein Vierteljahrhundert lang begeisterten sie ihr Publikum mit maritimem Gesang.

„Ankers away“ ist zu einer Art Erkennungsmelodie des Shanty Chors geworden. Und genau mit dieser Melodie beginnt er am Sonntagmorgen auf der Bühne des Weinfestes seinen Auftritt. Geleitet von Sonja Guthmann stehen rund 20 Herren und Damen auf der Bühne; singen mit Herzblut und starker Stimme von der Seefahrt, untreuen Frauen, der Pest an Bord sowie der steten Sehnsucht nach dem Meer.

„Man muss nicht aus dem Norden kommen, um diese Musik zu mögen“, stellt Helga Brehm fest und wippt bei einem Seemanns-Medley beschwingt mit ihren Hüften. Die meisten der zahlreich erschienenen Gäste wissen, dass der Chor im Jahr seines 25. Jubiläums auch seine öffentlichen Auftritte beendet.

„Das ist ein echter Verlust“, so die Meinung des Raunheimers Eberhard Brehm. Vielleicht ist die Chance, die Sänger ein letztes Mal auf der Bühne zu sehen, der Grund, weshalb so viele gekommen sind. Doch auch das Weinfest und das gute Wetter sind Magnete, die locken. Dass abends auf dem Gelände des Weinfestes viel los ist, versteht sich. Aber bereits morgens um 11 Uhr genießen hunderte von Menschen das Flair des Verna-Parks.

Gut lässt sich beobachten, dass es überwiegend die schattigen Plätze unter Bäumen oder einem Schirm sind, die die Besucher bevorzugen. Da wird schon mal der Regenschirm zum Sonnenschirm umfunktioniert. Und wer sein fesches Strohhütchen vergessen hat, schützt sein Haupt anderweitig. Not macht erfinderisch, und wenn man sonst nichts hat, werden ins Taschentuch einfach vier Knoten gemacht, und die so entstandene Kopfbedeckung wird zur Freude der weiblichen Nachbarin aufgestülpt (Foto).

Einer der Gründe, warum sich der 1993 als Ableger der Segelsportabteilung des TV Haßloch gegründete Shanty Chor aus der Öffentlichkeit verabschiedet, ist der fehlende Nachwuchs. Das Durchschnittsalter der rund 30 Mitglieder liegt bei 77 Jahren. Das bedeutet allerdings nicht, dass jetzt mit dem Singen aufgehört wird. Das ginge wahrscheinlich überhaupt nicht. Denn man merkt den Herren und Damen auf der Bühne deutlich die Liebe zum vorgetragenen Liedgut an. Ein Stammtisch soll gegründet werden, bei dem man sich regelmäßig treffe, sagt der Vorsitzende Willi Kaspar. Allein öffentliche Auftritte finden nicht mehr statt. Der Chor kann auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken mit mehr als 300 Auftritten, die allesamt bestens besucht wurden. Denn Seemannsmusik ist im Rhein-Main-Gebiet immer etwas ganz Besonderes.

„Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“ ist einer der Evergreens, wie sie auch am Main gekannt werden. Demgemäß sitzen im Publikum viele, die lauthals mitsingen und ihren Spaß haben.

Herbert Pusch aus Raunheim gehört ebenfalls zu denjenigen, die vom maritimen Gesang begeistert sind. Als Akkordeonist lauscht er besonders den Texten der Chorsänger und sammelt die Lieder, um sie selbst zu verwenden. Schon oft war er bei Auftritten des Shanty Chors. „Der Auftritt bedeutet für mich Inspiration pur“, sagt er und notiert sich auf dem Handy den Titel, der gerade anklingt. Es ist „Sloop John B“, ein Traditional, der in den 60er-Jahren durch die Beach Boys bekannt wurde. Pusch spielt zwar nur privat für Freunde und Bekannte sein Akkordeon. Doch für Anregungen, wie er sie durch den Auftritt des Shanty Chors bekommt, ist er immer zu haben.

Der Shanty-Chor hat über lange Jahre die Fangemeinde in Rüsselsheim begeistert. Mit einem Jubiläumskonzert am 29. September in der Stadthalle nimmt er Abschied von der Bühne. Dann wird nur noch aus Spaß an der Freude gesungen.

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