Verein Stage Factory

Sherlock und der Duft der Intrige

Ein komplettes Musical entwickeln, Texte schreiben, Requisiten bauen und auch noch auf der Bühne stehen. All das können Jugendliche von zwölf bin 23 Jahren bei der Groß-Gerauer Stage Factory. Dieses Jahr haben sich die jungen Talente für einen Kriminalfall mit einem weltberühmten Ermittlerduo entschieden. Wir haben eine Probe besucht.

Spätestens seit Schauspieler Benedict Cumberbatch, der den Sherlock Holmes in der gleichnamigen englischen Fernsehserie mimt, sind die Geschichten um den genialen Ermittler, erdacht von Autor Arthur Conan Doyle, endgültig der Mottenkiste entronnen.

Ähnlich smart und selbstbewusst wie das Vorbild aus der Kultserie füllt Floyd Dörr die Rolle des stets ein wenig autistisch wirkenden Ermittlers im Stück „Sherlock Holmes und der Duft der Intrige“ aus. Schneidig und schick ist er, und seinem gutmütigen und bodenständigen Kompagnon Dr. Watson immer ein paar Schritte voraus. Kein Wunder, dass Londons Damenwelt bei seinem Anblick regelmäßig zu hyperventilieren beginnt. Ebenso begeistert zeigen sich die Darstellerinnen mit fetzigen Tänzen und Gesangsnummern.

Der 17-jährige Nick Fischer hat die Rolle des Watson übernommen, und wartet in kariertem Anzug und Melone auf seinen Einsatz. Eine Woche vor der Premiere wird in den kompletten Kostümen geprobt, aber noch ohne Bühnenbild und Bühnentechnik. Fast ein ganzes Jahr lang arbeiten die jungen Leute, um jeden Herbst wieder ein neues Musical auf die Bühne zu bringen. Seit vier Jahren ist Fischer dabei. „Hier macht jeder alles – Singen, Tanzen und Schauspiel.“ Das Schönste sei das Miteinander in der Gruppe. Je näher die Aufführungen rücken, desto intensiver werde geprobt, erzählt er. „Nach den Auftritten fällt man immer in ein Loch“, gesteht Fischer. Zum Glück halte dieser Zustand nicht lange an, denn schon bald beginnen die Vorbereitungen für den nächsten Streich.

Die Künstlerische Leiterin Andrea Bertram dirigiert die Probe, unterstützt von ihrem Laptop, vom Regietisch aus. Bertram ist ein echter Profi in Sachen Musical. Vor einem Jahr hat sie die künstlerische Leitung der Truppe von ihrer Vorgängerin Alexa Rockstroh übernommen. Viele Jahre war sie selbst als Darstellerin mit Musicals auf Tour. Auch als Schauspielerin auf der Bühne und im Fernsehen war das künstlerische Multitalent schon zu erleben. In den letzten Jahren arbeitet Bertram vermehrt als Choreografin und Regisseurin.

Noch wird die Lichtsituation von Andrea Bertram angesagt – die aufwendige Licht- und Tontechnik ist noch nicht installiert – die Darsteller müssen sich nun also die komplett dunkle Bühne vorstellen, ebenso das Spotlight, das als nächstes eine Szene unterhalb der Bühne erleuchtet. Die Handlung findet nicht nur auf der Bühne statt, die Figuren werden sich im Verlauf des Stückes immer wieder unter das Publikum mischen, verrät Bertram.

Wie ein frischer Wirbelwind erscheint zum Beispiel Helena Schulze radelnd auf der Fläche, um lauthals ihre Extrablätter mit den neuesten Details zum Stand der Ermittlungen anzupreisen.

Und das ist der Fall: Vor acht Jahren verschwand die Tochter der wohlhabenden Mrs. White, Liv-Ann, und wurde schließlich für tot erklärt. Nun will jemand sie in der Nähe einer Parfumfabrik gesehen haben. Verzweifelt wendet sich die Mutter an Holmes und Watson. Werden sie das Rätsel um Liv-Ann lösen?

Die 18-jährige Lara Fenner verkörpert die mysteriöse Witwe Mrs. White. Am meisten Spaß mache ihr das Singen und Tanzen, erzählt sie. Obwohl die junge Groß-Gerauerin nach dem Abitur Ökotrophologie studieren möchte, will sie ihr Hobby nicht aufgeben. „Die Gruppe ist wie eine große Familie“, schwärmt sie. Man könne bei den Treffen jederzeit anfangen zu singen, wenn einem danach sei, und das fühle sich gar nicht komisch. Im Gegenteil, die anderen stimmten einfach mit ein.

Ihr prachtvolles schwarzes Kleid ist aus dem Fundus, berichtet sie, die Perücke hingegen habe sie aus eigener Tasche bezahlt. Kein Problem für die junge Frau, „dafür darf ich die dann ja auch behalten“, freut sie sich.

Das Engagement der jungen Leute unterstreicht auch Tilo Fischer, der erste Vorsitzende des Vereins Stage Factory. „Die sind immer super vorbereitet, wenn sie zu den Proben kommen und hochkonzentriert“, lobt er. 20 aktive Mitglieder hat der Verein derzeit. Diejenigen, die altersbedingt ausscheiden, würden immer schnell durch junge Nachrücker ersetzt. Nicks Vater sagt, er engagiere sich gerne, um den Heranwachsenden eine Plattform zu bieten, sich künstlerisch auszuleben.

Die Proben finden einmal im Monat statt, dann aber gleich für ein ganzes Wochenende. „Wir holen uns dafür Coaches aus dem ganzes Bundesgebiet“, verrät Fischer. Für die diesjährige Inszenierung engagierte der Verein einen Industriekletterer, denn im Stück soll auch jemand abgeseilt werden: „Wer wird noch nicht verraten“, sagt der Vorsitzende.

Die Zuschauer dürfen sich jedenfalls auf jede Menge Musik, Spannung und Action im Musical freuen.

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