Pfarrerin Ellen Schneider-Oelkers freut sich, trotz Corona einen festlichen Erntedank- Gottesdienst feiern zu können. Foto: Mareike Stich
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Pfarrerin Ellen Schneider-Oelkers freut sich, trotz Corona einen festlichen Erntedank- Gottesdienst feiern zu können. Foto: Mareike Stich

Kirche in Bauschheim

Singen in Gedanken und ein Abendmahl aus der Tüte

  • vonMareike Stich
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Wegen Corona wird der Erntedank-Gottesdienst in neuem Gewand gefeiert.

Bauschheim-Auf dem mit Feldfrüchten prächtig geschmückten Altar brennen zwei Kerzen, die Glocken läuten, und durch die Fenster sieht man, wie sich die Bäume im Wind wiegen. Wer ein bisschen früher gekommen ist, der kann schon vor dem Beginn des Gottesdienstes die ganz besondere Atmosphäre in der kleinen Bauschheimer Kirche genießen.

Beim Betreten des Gotteshauses mussten zuerst die Hände desinfiziert werden, danach bekam man ein grünes Papiertütchen in die Hand gedrückt. Den Dienst am Eingang versehen heute Ortrud Guthmann und Holger Kämmerer. Die beiden achten auch darauf, dass sich die Besucher den Abstandsregeln gemäß platzieren. Die Konfirmanden schicken sie die steile Treppe nach oben, damit die älteren Besucher diese nicht erklimmen müssen. Eine Familie mit kleinem Kind wird in die erste Reihe umgesetzt, "damit der Kleine auch etwas sieht".

Derart umsorgt werden alle der 44 Gottesdienstbesucher heute. Wegen Corona kann nur an der Feier teilnehmen, wer sich zuvor angemeldet hatte. "Auch in diesem Jahr feiern wir Erntedank, obwohl alles ganz anders ist, als wir es gewohnt sind", sagt Pfarrerin Ellen Schneider-Oelkers in ihrer Begrüßung.

Erinnerung an leere Regale

Und tatsächlich ist dieser Erntedank-Gottesdienst ganz anders, als ihn die Bauschheimer kennen. Normalerweise findet er nämlich bei der Nachkerb im Festzelt auf dem Gelände des Obst- und Gartenbauvereins statt. Der Verein hat sich aber auch hier und heute eingebracht. Die Vorsitzende der Gärtner, Marion Ullmann, verliest eine Chronik des abgelaufenen Gartenjahres, und die Vereinsmitglieder Richard Daum und Heinz Kröcker dürfen von der Empore herab ein Lied für die Gemeinde singen. Ansonsten hat man für den musikalischen Teil der Messe eine andere Lösung gefunden. Organistin Dorothea Weber spielt die bekannten Melodien, die Gemeinde liest und singt die Texte nur in Gedanken mit.

In ihrer Predigt erinnert Schneider-Oelkers an die gähnend leeren Regale zu Beginn der Pandemie. Für Menschen ihrer Generation in Deutschland sei das eine ganz neue Erfahrung gewesen. Viele hätten erst jetzt erkannt, "dass es doch nicht ganz so selbstverständlich ist, sich jeden Tag an einen reich gedeckten Tisch zu setzen".

Unübersichtlich und kompliziert

Die Speisung der Viertausend aus dem Evangelium nach Markus ist das zentrale Thema der Predigt. "Wie soll man die Menschen hier in der Wüste satt bekommen?", hätten die Jünger nach drei Tagen ohne Verpflegung verzweifelt gefragt. Jesus habe zurückgefragt: "Wie viele Brote habt ihr?". In den beiden Fragen kommen für die Pfarrerin zwei gegensätzliche Haltungen zum Vorschein. Während die Jünger auf das geblickt hätten, was fehlte, habe sich Jesus dem zugewandt, was da war.

Der viel zitierte Spruch von dem Glas Wasser, das für die einen halb voll und für die anderen halb leer ist, drücke dasselbe aus. Paradoxerweise sei die Gefahr, undankbar und unzufrieden auf das eigene Leben zu schauen, größer, je besser es einem gehe. Die Corona-Krise habe aber auch gezeigt, wie dünn das Eis der Zivilisation sei. "Die Welt heute ist unübersichtlich und kompliziert", sagt Schneider-Oelkers. Umso wichtiger sei es, die Potenziale zu erkennen und auf das zu schauen, was da sei.

Nach der Predigt dürfen alle die kleinen grünen Tüten öffnen. Ein Stück Brot und einige Weintrauben sind darin. So kann auch in Zeiten von Corona das gemeinsame Abendmahl zu Erntedank zelebriert werden.

Ursula Reinheimer hat der Gottesdienst gut gefallen. "Es war anders, aber sehr würdevoll und einfach schön", findet sie. Besonders gelungen sei die Idee mit dem Abendmahl in der Tüte gewesen, "und dann war die Tüte auch noch so schön leuchtend grün", sagt sie mit einem Lächeln. Maraike Stich

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