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Wissen, wie man sein Geld nachhaltig anlegt: Viele Jugendliche fühlen sich bei diesem Thema von der Schule alleingelassen.

Bildung

Soll Wirtschaft ein Schulfach werden?

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In Bayern ist es bereits Pflicht, in Nordrhein-Westfalen wird es im kommenden und übernächsten Schuljahr ins Bildungssystem eingebaut: Wirtschaft als Schulfach. Der Rüsselsheimer Finanzberater Thomas Kromschröder plädiert auch hier dafür.

Im Jahr 2015 sorgte die Twitter-Nachricht einer Kölner Schülerin für großes Aufsehen in den Medien und der Politik: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen“, schrieb sie. „Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Die Aussage verbreitete sich viral und löste eine Debatte über die Bildungsinhalte an deutschen Schulen und deren Alltagsrelevanz aus.

Im November 2018 reagierte die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen konkret darauf: Vom Schuljahr 2019/2020 an wird das Fach „Wirtschaft“ in allen Gymnasien Pflicht, im darauffolgenden Jahr an allen weiterführenden Schulen. Ein wichtiger Schritt, findet Thomas Kromschröder.

Der Rüsselsheimer ist freier Finanzberater, hat nach dem Abitur 2009 an der Immanuel-Kant-Schule Publizistik und American Studies studiert, seine Leidenschaft für finanzielle Beratung und Bildung aber schon während des Studiums entdeckt und ist beim Finanzdienstleiter tecis eingestiegen. Mit 29 Jahren berät er dort Kunden aus seiner Generation, die oft wenig bis gar nichts über Geldanlage oder Altersvorsorge wissen.

Das Gefühl kennt er: „Ich war dem Thema gegenüber früher auch verschlossen – einfach, weil ich so wenig darüber informiert war.“ Klar sei die Börse irgendwann mal ein Thema in der Schule gewesen, aber das habe nichts Anwendbares mit sich gebracht. „Ich denke, dass es wichtig ist, dass sich Schüler ökonomisches Wissen selbst erschließen“, findet Kromschröder.

Jeder Schüler, der nach dem Abschluss seinen ersten Arbeits- oder Ausbildungsvertrag erhält, müsse doch wissen, was er für Ansprüche haben kann. „Was bedeuten vermögenswirksame Leistungen? Wie funktioniert Altersvorsorge?“ Das seien fundamentale Fragen, mit denen sich auch im Schulunterricht aktiv auseinandergesetzt werden müsse.

Der Bedarf steigt

Einen erhöhten Bedarf an finanziellem Know-how bei Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren hat auch das Marktforschungsunternehmen GfK 2018 festgestellt: 84 Prozent wünschten sich mehr schulische Wissensvermittlung über wirtschaftliche Zusammenhänge, die Prozentzahl steigt jährlich. „Kein Wunder“, findet Kromschröder. Er sieht die Vorzeichen verändert. „Finanzplanung heute läuft anders als bei unseren Eltern. Seit zehn Jahren sind wir in einer Niedrigzinsphase, wir müssen uns neu aufstellen.“

Hinzu komme, dass sich viele junge Menschen nicht für eine unbestimmte Zeit an ein Unternehmen binden wollten, sondern sich beruflich verändern. Auch der Berufseinstieg an sich finde oft später statt als bei der vorherigen Generation. „Durch die veränderte Lebensrealität ist es definitiv wichtig, zu wissen, wie man vorsorgen kann“, meint Thomas Kromschröder.

Selbst das Wissen, wie man seine Einnahmen und Ausgaben im Blick behält, sei bei vielen nicht vorhanden. Wie genau eine Implementierung in den Unterricht aussehen kann – ob in Form eines eigenen Fachs oder zumindest innerhalb des in Hessen etablierten Fachs „Politik und Wirtschaft“–, sei noch zu eruieren. „Ich könnte mir vorstellen, ab der neunten Klasse damit anzufangen, weil danach ja einige schon direkt in den Beruf einsteigen“, so Kromschröder. Ein Anfang mit Vorträgen externer Fachkräfte aus dem Bereich Finanzberatung sei ebenfalls denkbar. „Aber es ist definitiv wichtig, dass das seitens der Politik verankert wird“, sagt er.

Ruck in der Politik

Dass das Füllen dieser Bildungslücke in dem Bereich auch gesamtwirtschaftliche Schäden verhindern könnte, sieht Kromschröder ebenfalls. „Wir sind Weltmeister im Sparen, aber nicht im Vermögensaufbau.“ Das will er ändern und plädiert für einen Ruck in der Politik. „Ich bin ein absoluter Menschentyp. Mir war schon immer klar, dass ich beratend tätig sein will“, erklärt er. Was er sich für sich selbst gewünscht hätte – eine praxisnahe Vorbereitung auf das eigenständige Leben in Bezug auf Finanzen –, soll Schule machen. Auch selbst vor einer Klasse zu stehen, kann er sich gut vorstellen. Ganz gleich, in welcher Form den Schülern letztlich Wissen vermittelt werde: Die Hauptsache sei, dass es passiere und dass es verständlich geschehe. „Wenn jemand im Nachhinein sagt, er hat etwas gelernt, dann ist das das schönste Kompliment“, sagt Thomas Kromschröder lächelnd.

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