Lyrischer Rundgang

Auf den Spuren Wilhelmine von Vernas

Wer Romantik sucht, findet sie im Verna-Park jenseits moderner Stilbrüche noch heute in Fülle: Zwischen Information und lyrischem Nachempfinden bewegte sich die Spurensuche durch den Landschaftsgarten, die das Stadt-und Industriemuseum anbot.

Den Stadtpark kennt doch jeder, oder? Inspirierend lenkte indes Student Christian Bihn im Auftrag des Stadtmuseums die Blicke auf die Spuren der Romantik. Wo sie erhalten sind, machen sie den Park zum kunsthistorischen Kleinod.

„Es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst“: Als Bianca Karger am sonnigen Sonntag Joseph von Eichendorffs Verse rezitierte, seufzte mancher der fünfzig Zuhörer in lächelndem Wiedererkennen. Durch den frühlingsgrünen Park, wo Vögel konzertierten, begleitete Bianca Karger den Rundgang lyrisch und öffnete damit das Tor zum Nachempfinden jener Epoche, der die einstige Besitzerin des Parks angehörte: Wilhelmine von Verna (1803 - 1878) gab nach dem Unfalltod ihres Mannes 1843 den Landschaftsgarten als Ort der Sammlung und Erinnerung, ja, als „Materie gewordene Landschaftsmalerei“ in Auftrag, referierte Bihn.

„Heute setzt sich die Bezeichnung ’Verna-Park’ wieder durch. Zu Recht, meine ich“, sagte Bihn und skizzierte das tüchtige wie auch elegisch durchwirkte Leben der Freifrau von Verna. Naturgestaltung, „großartiger als die Natur selbst“, habe dem Kunstverständnis ihrer Zeit entsprochen, legte Bihn dar: Gewundene Pfade, die in ihrem Verlauf erhalten, doch leider verbreitert und asphaltiert worden seien, führten einst durch üppige Begrünung exotischer Pflanzen, die es heute nicht mehr gibt.

„1839 hatten Wilhelmine von Verna und ihr Mann das Amtshaus und zum Palais umgebaut“, führte Bihn vorm stattlichen Gebäude, heute Sitz des Ordnungsamtes, aus. Ein Foto zeigte die ursprüngliche, romantisch in die Natur eingebettete Gestaltung. Und Bianca Karger rezitierte: „O Liebe, du Zauberwort, klingst fort und fort wie Wellenschlag der Ewigkeit.“ Da wurde der Geist, der die wohlhabende Witwe beseelt haben mag, ganz gegenwärtig.

Zwischen 1850 und 1865 ließ von Verna den Landschaftsgarten bauen, den sie mit Weiher und Wasserspielen, mit mittelalterlich inspirierter Kunstruine, mit Sonnenuhren und Volieren, Musikpavillon und Teehäuschen verklärte. Gemälde von Caspar David Friedrich wurden stellvertretend für das romantische Sehnen jener Epoche benannt.

Anlässlich des Hessentags war jenes Teehäuschen, die Eremitage der Freifrau, restauriert worden. Freifrau von Verna hatte es als künstliche Mühle auf dem Hügel beim Teich konzipiert, im Volksmund heiße es „Hexenhäuschen“, erzählten Gäste des Rundgangs. „In der Romantik war vieles eher schöner Schein als Sein“, so Christian Bihn angesichts der Mühle, in der freilich nie gemahlen wurde und dessen Mühlrad sich zum Schmuck mittels Dampfmaschine drehte. Der Gang durch die Mühle ließ verschnörkelte, alte Säulen und die ursprüngliche Holztäfelung des Teesalons sehen. „Könnte man das Hexenhäuschen nicht heute nutzen? Als Café oder für Ausstellungen?“, fragten Besucher.

Vorbei an Magnolie und Fontäne am Teich, ging’s zum düsteren Obelisken, der in antiker Symbolik dem Tod zugeschrieben wird. „Auch hier dachte Wilhelmine von Verna mutmaßlich an ihren früh verstorbenen Gatten“, meinte Christian Bihn. Kurz darauf gelangten die Teilnehmer auf schnurgeradem Weg, der vormals mit Rosenbögen überwachsen war, zur künstlichen Ruine mit dem märchenhaften „Rapunzel-Zimmer“ im Turm. „Im schönsten Garten wallten zwei Buhlen Hand in Hand“, rezitierte Bianca Karger Verse der todessehnsüchtigen Liebe, die das Flair noch verstärkten.

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