Pfarrer Andreas Jung (rechts) führt den Besuch aus Wiesbaden durch die Räumlichkeiten des Nachbarschafts- und Familienzentrums Böllensee. FOTO: dit
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Pfarrer Andreas Jung (rechts) führt den Besuch aus Wiesbaden durch die Räumlichkeiten des Nachbarschafts- und Familienzentrums Böllensee.

Politik

Staatsminister auf Tuchfühlung mit dem Klinker

  • Dorothea Ittmann
    VonDorothea Ittmann
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Tarek Al-Wazir besichtigt Familienzentrum Böllensee und Wohnen am Verna-Park

Rüsselsheim -Für gewöhnlich dauern Besuche von Politikern aus der Landeshauptstadt Wiesbaden nicht länger als eine Stunde. Kaum haben sie etwas eröffnet oder einen Bescheid überreicht, schon sitzen sie wieder im Auto und sind auf dem Weg zum nächsten Termin. Tarek Al-Wazir (Grüne) bewies gestern in Rüsselsheim, dass es auch anders geht. Drei Stunden lang ließ sich der Hessische Staatsminister unter anderem von Oberbürgermeister Udo Bausch (parteilos) und Gewobau-Geschäftsführer Torsten Regenstein die "vorbildlichen Wohnbauten" der städtischen Wohnungsbaugesellschaft zeigen, angefangen mit dem Nachbarschafts- und Familienzentrum Böllensee.

In den beiden Gebäudeteilen am Böllenseeplatz sind das Nachbarschafts- und Familienzentrum, die Kindertagesstätte der evangelischen Matthäusgemeinde, der Kinder- und Jugendtreff des Vereins Auszeit sowie Wohnungen für Senioren untergebracht. "Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf. In den Wohnquartieren sollen Menschen auch gerne leben", lobte Al-Wazir das generationenübergreifende Projekt.

Pfarrer Andreas Jung bestätigte, dass sich das Nachbarschaftszentrum zu einem Treffpunkt für Jung und Alt entwickelt habe. "Die Leute halten sich hier gerne auf." Der ein oder andere nehme dann schon einmal die Abkürzung durch den Pfarrgarten nebenan, um zum Jugendtreff zu gelangen, berichtete der Pfarrer mit trockenem Humor. Als "eine Art halber Hausmeister" für das Nachbarschaftszentrum erzählten ihm die Bewohner, wie sehr sie das Angebot schätzten.

Als "Herr der Schlüssel" führte Jung denn auch den Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen sowie die Projektbeteiligten durch die Kita der Kirchengemeinde. Al-Wazir bescheinigte dem Pfarrer anschließend nicht nur Qualitäten als Hausmeister, sondern auch als Personalchef. Die Besucher schienen beeindruckt von den hellen und großzügig geschnittenen Gruppenräumen. Der Minister warf einen Blick in den Sanitärbereich, die Küche, den Personalraum und schließlich den Bewegungsraum mit Matten und Sprossenwand.

Neue Räume "wie ein Palast"

Beim Anblick von Tischfußball, Dart und Billard wurden Kindheitserinnerungen wach. "Da hinten sehe ich einen Flipper", rief der Staatsminister und betrat den Jugendtreff. Auszeit-Geschäftsführerin Andrea Kelm ist acht Monate nach dem Einzug immer noch von dem neuen Zuhause des Vereins begeistert. Früher war er im "Bushäuschen" am Böllenseeplatz untergebracht, was kein Vergleich zu den großzügigen Räumen im Nachbarschaftszentrum sei. "Die Jugendlichen können kaum fassen, was das für ein Palast ist", so Kelm.

Wie verwurzelt die Matthäusgemeinde in der Opelstadt ist, bewies Pfarrer Jung abschließend, als er Tarek Al-Wazir in die gegenüberliegende Kirche führte. Dort zeigte er ihm den Altar "mit Presswerkzeug von Opel als Fuß".

Mit dem Blick auf die Uhr machten sich Staatsminister und Entourage auf den Weg zum nächsten vorbildlichen Wohnbau - der Wohnanlage in der Frankfurter Straße 14, auch bekannt als "Wohnen am Verna-Park". Brigitte Holz, Präsidentin der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen, verriet, dass das Projekt der Münchner Architekten Baur und Latsch nicht nur den Deutschen Architekturpreis am 3. September in Berlin verliehen bekommt, sondern auch auf der Shortlist für die Auszeichnung "Vorbildliche Bauten im Land Hessen" stehe.

Die Gewobau hatte zwei Grundstücke mit sieben neuen Wohngebäuden errichtet und durch die Nachverdichtung insgesamt 66 Ein- bis Vierzimmer-Wohnungen sowie eine Tiefgarage geschaffen. Dem Betrachter fällt zuerst die harmonische Klinker-Fassade ins Auge. Staatsminister Al-Wazir klopfte gegen die Mauer und stellte fest: Tatsächlich handelt es sich nicht um Klinkersteine, sondern um Klinkerriemchen, welche die Ziegelmauer nachahmen. Satteldächer, Rücksprünge, Klinkerriemchen und Rundbögen der dreigeschossigen Gebäude sollen an die Architektur des Opel-Altwerks erinnern und sich in die Nachbarschaft einfügen.

Jahrelanger Schandfleck

Das Grundstück grenzt in südöstlicher Richtung an die Taunusstraße. Dort geht es hinab in die besagte Tiefgarage. Als hätten es Stadt und Gewobau geplant, öffnete sich just in dem Moment das Tor und ein E-Auto surrte an den Besuchern vorbei. "Das war bestellt", scherzte Al-Wazir unter Gelächter der Gruppe.

Krönender Abschluss des ministeriellen Besuchs war die Großbaustelle auf dem ehemaligen Karstadt-Gelände an der Frankfurter Straße. Auch hier entstehen Wohnungen. Jahrelang hatte das frühere Gebäude leer gestanden - ein Schandfleck in der Rüsselsheimer Innenstadt. Auch Al-Wazir konnte sich daran erinnern. "Immer wenn ich hier war, dachte ich: Das ist ja immer noch leer." Als gebürtiger Offenbacher kenne er sich mit dem Thema "Stadtreparatur" aus. Rüsselsheim sei auf einem guten Weg, bemerkte der Minister, bevor er sich verabschiedete. dit

Minister Tarek Al-Wazir will's wissen: echter Klinker oder nicht? Tatsächlich sind die Häuser am Verna-Park mit Klinkerriemchen versehen.

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