Durch die zusätzliche Schadstoffsanierung im Bestandsgebäude der Alexander-von-Humboldt-Schule verlängert sich die Bauzeit um voraussichtlich anderthalb Jahre. FOTO: Dorothea Ittmann
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Durch die zusätzliche Schadstoffsanierung im Bestandsgebäude der Alexander-von-Humboldt-Schule verlängert sich die Bauzeit um voraussichtlich anderthalb Jahre.

Bauausschuss

Stadt fordert Schadensersatz

  • Dorothea Ittmann
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Rechtsanwalt sieht gute Chancen für die Stadt nach Gutachter-Pfusch.

Rüsselsheim - Bröckelnder Putz, einsturzgefährdete Decken, asbesthaltige Abstandshülsen in den Wänden. Die Liste der Mängel ist lang. Sowohl die Bauarbeiten an der Sophie-Opel-Schule (SOS) als auch an der Alexander-von-Humboldt-Schule (AvH) verlaufen nicht nach Plan. Das Budget steigt um insgesamt 11,5 Millionen Euro. Die Stadtverordneten sind nicht erfreut über diese Entwicklungen. Im Bauausschuss am Donnerstagabend hatte Stadtrat und Baudezernent Nils Kraft (SPD) deshalb das jeweils verantwortliche Ingenieurs- und Architekturbüro eingeladen, um den Baufortschritt und die Schwierigkeiten genauer zu erläutern.

Neues bekamen die Stadtverordneten nicht zu hören. In den Anträgen hatte der Magistrat ausführlich die Gründe für die Erhöhung der Projektbudgets ausgeführt. Vielmehr drängte sich die Frage auf: Wie konnte es so weit kommen? Gleich zwei Experten - ein Fachplaner Elektrotechnik und ein Schadstoffsachverständiger - hatten unvollständige Angaben gemacht.

Mangelhaftes Gutachten

Der Fachplaner hatte wichtige Leistungen wie beispielsweise die gesamte Elektro-Verrohrung und die Zuleitungskabel im Außenbereich der SOS weder in der Planung noch in der Budgetierung aufgeführt. Diese müssen nun für rund 750 000 Euro nachträglich in Auftrag gegeben werden. Der Schadstoffsachverständige wiederum hatte bei der Begutachtung des Bestandsgebäudes der AvH asbesthaltige Abstandshülsen übersehen, die nun zeit- und arbeitsaufwendig an den für Türöffnungen oder Kabelschächten vorgesehenen Stellen entfernt werden müssen. Die geschätzten Kosten: 3,8 Millionen Euro.

Rechtsanwalt Thomas Senff von der Kanzlei Graf-von-Westphalen, der die Stadt bei ihren Forderungen nach Schadensersatz vertritt, sieht gute Chancen, dass die Versicherung des beauftragten Unternehmens die Mehrkosten übernimmt, die der Kommune durch das mangelhafte Gutachten entstanden sind.

Man habe ein Gegengutachten erstellen lassen, das besage, dass der Sachverständige die asbesthaltigen Hülsen hätte erkennen müssen. Bei dem Bauteil handelt es sich um einen Gewindestab aus Stahl, der in einer Hülse steckt und mit Beton gefüllte Platten - einem Schraubstock gleich - miteinander verbindet. Da das Bestandsgebäude der AvH in den 1970er Jahren errichtet wurde, sei die Verwendung von asbesthaltigen Baumaterialien naheliegend und hätte dementsprechend sorgfältig geprüft werden müssen, so Senff.

Er gehe nicht davon aus, dass die Versicherung das Gegengutachten anzweifeln wird; niemand wolle es auf einen langwierigen Rechtsstreit ankommen lassen. Allerdings betrage die Entschädigung nicht die vollen 3,8 Millionen Euro. "Die Hülsen hätten wir so oder so ausbauen müssen. Wir können deshalb nur die Mehrkosten geltend machen", erläuterte Senff. Darunter fallen laut Jochen Brandner, Fachbereichsleiter Gebäudewirtschaft der Stadt, die Baukostensteigerung, Baustelleneinrichtung, Bauzeitverlängerung sowie die nachgelagerte Planung. Man rechne mit einem Schadensersatz von rund einer Million Euro. Genaueres könne noch nicht gesagt werden.

Ähnlich verhalte es sich mit den fehlenden Elektro-Leistungen. Auch hier fordert die Stadt Schadensersatz. Warum der Fachplaner einen Teil der Leistungen vergessen hat anzugeben, sei rätselhaft. Michael Müller von Hitzler-Ingenieure vermutet, dass es an wechselnden Projektleitern im Fachbüro gelegen haben könnte.

Steigende Baupreise

Der zusätzliche Risikopuffer für das Bauprojekt an der AvH von rund drei Millionen Euro erstaunte Karl-Heinz Schneckenberger (Linke/Liste Solidarität), der wissen wollte, wie eine so hohe Summe zustande kommt. Kraft führte aus, dass die Baupreiskosten in den vergangenen zwei Jahren unerwartet stark angestiegen sind, von 4,5 auf 8,84 Prozent. Dies bestätigte Kilian Kresing von Kresings Architekturbüro. "Bauen wir Luxus?", fragte Kraft in die Runde. Seine Antwort: nein. Vergleichbare Bauten im Kreis Groß-Gerau und darüber hinaus hätten ein ähnlich hohes Budget. Schneckenberger meldete in der Sache Beratungsbedarf an, weshalb über die Budgeterhöhung im Ausschuss nicht abgestimmt wurde.

Die größten Kosten verursache bei beiden Schulen die Umsetzung des Medienentwicklungskonzeptes, die mit rund 1,2 Millionen Euro zu Buche schlägt. Für die Inklusion sind rund 300 000 Euro veranschlagt. Die Anforderungen an die schulische Infrastruktur - IT und Inklusion - seien erst in den vergangenen Jahren erarbeitet und konkretisiert worden, weshalb sie vier Jahre nach der Vorentwurfsplanung in vollem Umfang budgetiert wurden, rechtfertigte der Stadtrat die hier steigenden Kosten. dit

So sieht eine zum Teil freigelegte Abstandshülse aus. Weil sie mit Asbest belastet ist, muss die Hülse sorgfältig freigelegt und entsorgt werden.

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