Auf den Spuren zerstörter Leben

Stiftung Alte Synagoge führt durch Rüsselsheims jüdische Vergangenheit

Die Stiftung Alte Synagoge veranstaltete am Sonntag eine Führung durch Rüsselsheims jüdische Vergangenheit. Im Zentrum der Führung standen dabei Vertreibung, Mord und Naziterror der Jahre 1933 bis 1945.

78 Jahre ist es her. In der Pogromnacht zogen die braunen Scharen in ganz Deutschland durch die Städte. Juden wurden gedemütigt, verprügelt und ermordet, ihre Häuser zerstört und ihre Tempel verbrannt. Auch in Rüsselsheim kam es um den 9. November 1938 zu massiven Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Um an die Schicksale der Vertriebenen und Ermordeten zu erinnern, veranstaltete die Stiftung Alte Synagoge am Sonntag eine Führung durch Rüsselsheims jüdische Vergangenheit.

Fast 20 Teilnehmer waren der Einladung gefolgt und ließen sich auch vom nasskalten Nieselwetter nicht davon abhalten, sich an eines der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte zu erinnern. Die Tour verlief entlang der Rüsselsheimer Stolpersteine, durch den Altstadtkern um das Rathaus herum. Los ging es bei der Schäfergasse 20, wo früher das Haus der Familie Gottschall stand.

Hermann Gottschall war ein armer, jüdischer Futtermittelhändler. Die Familie Gottschall kann für 200 Jahre in Rüsselsheim nachgewiesen werden. 1939 wurde das Fachwerkhaus der Familie zum Rüsselsheimer Judenhaus erklärt, andere jüdische Familien wurden gezwungen, zu den Gottschalls zu ziehen. „Die Menschen wurden gezwungen hier zu wohnen, um den Zugriff zu erleichtern und letztlich die weitere Deportation vorzubereiten“, erklärte Hannes Pflügner von der Stiftung Alte Synagoge. Hermann, seine Ehefrau Mathilde, die keine Jüdin war, und die beiden Töchter des Paares wurden nach Theresienstadt verschleppt. Sohn Wilhelm gelang 1938 die Flucht in die USA.

So zog die Stadtführung durch die Straßen der Altstadt und erinnerte an die Lebensläufe der vertriebenen Rüsselsheimer. 1933 hatte die jüdische Gemeinde 46 Mitglieder. 1945 lebte in Rüsselsheim nur noch ein Mitglied dieser Gemeinde. Fanny Mörtel überlebte, weil andere sie schützten und versteckten.

„Diese Schicksale stehen repräsentativ für allgemeine Prozesse während des Naziterrors“, sagte Hannes Pflügner. Auffällig sind die vielen Ehen zwischen jüdischen und christlichen Rüsselsheimern. Vor 1933 lebten diese Religionsgruppen anscheinend noch miteinander, nicht nebeneinander. Mit Moses Linz war sogar Rüsselsheims erster Opelhändler jüdischen Glaubens. Er starb 1935, sein Haus wurde den Erben durch die Behörden geraubt und zugunsten der öffentlichen Kassen zu einem Ramschpreis versteigert. Karl und Melanie Linz mussten zuerst zu den Gottschalls ins Judenhaus ziehen, ihre Spuren verlieren sich nach der Deportation im Gebiet des heutigen Polens.

„Lasst alle Hoffnung hinter Euch“

„Wie man hier die Menschen aus den Familien reißt, ist wohl das grausamste in diesem Jahrhundert“, schrieb Fanny Lang heimlich aus der Haft ihrem christlichen Ehemann, der das Kaufhaus an der Stelle des heutigen C&A besaß. „Lasst alle Hoffnung hinter Euch; bleibt gesund und verliert für Euch die Lebensfreude nicht. Es ist ein unabweisbares Schicksal, was ich hier erlebe, ist schlimmer wie tot“, schrieb sie ihrer Familie, bevor sie in Auschwitz ermordet wurde.

Der Familie hatte man mitgeteilt, sie sei an Herzversagen gestorben.

Auch der erste Tankwart Rüsselsheims, Emanuel Nachmann, war Jude. Mit den religiösen Geboten habe er es aber nicht ganz so genau genommen, berichtete Pflügner. „Auf Volksfesten soll er auch mal Schweinefleisch gegessen haben.“ Generell war die Rüsselsheimer Gemeinde eher liberal. 1938 wurde die Synagoge der Gemeinde durch SA-Männer gestürmt und verwüstet. Die Nazis schreckten wohl davor zurück, das Haus anzuzünden, weil der Brand leicht auf die umstehenden Häuser hätte übergreifen können, und das „arische“ Hausmeisterpaar zur Miete in dem Gebäude lebte.

Eine überraschende Entdeckung musste auch Pflügner machen. Im Zuge der Neugestaltung des Marktplatzes sind mehrere Stolpersteine verschwunden. „Ich gehe davon aus, dass die nach Abschluss der Bauarbeiten wieder eingesetzt werden“, vermutete er sichtlich verwundert. Vermisst wurden die Steine zum Gedenken an die Familien Reinheimer am Marktplatz und Nachmann am Parkplatz Ludwigstraße.

Am 9. November wird es eine gemeinsame Gedenkveranstaltung der Stiftung Alte Synagoge mit dem Magistrat der Stadt geben. Helge Heynold wird Texte von Verfolgten lesen. Musikalisch begleitet wird er von Vassily Dück am Akkordeon. Dabei soll nicht nur der Vergangenheit gedacht werden. „Im Zuge des aktuell erstarkenden Rechtspopulismus, der Renaissance des Nationalismus und xenophober Strömungen in Europa findet auch der Antisemitismus schleichend wieder fruchtbaren Boden“, warnt der Einladungstext. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 18.30 Uhr. Die Türen öffnen eine halbe Stunde vorher, der Eintritt ist frei.

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