Therapiereiten

Da strahlt Nikita

Der Rüsselsheimer Reitsportverein hat sich der Therapiearbeit angenommen. Reitschüler mit und ohne Handicap werden gemeinsam unterrichtet.

Von DANIELA HAMANN

Der Wallach Kuba trabt, dann geht er in den Galopp über. Nikita Dornhof, der auf dem Pferd reitet, fängt an zu jubeln und zu lachen. Diese Reaktion des heute 13 Jahre alten Jungen wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen. Denn Nikita hat das Down-Syndrom. Er ist eines der Kinder, die beim Rüsselsheimer Reitsportverein (RSVR) am Programm des therapeutischen Reitens teilnehmen.

„Als Nikita zu uns kam, hat er nicht gesprochen, hatte Bewegungsprobleme und vor allem Angst. Besonders auch kleine Höhen machten ihm zu schaffen“, sagt Carmen Stowasser, die als therapeutische Reitlehrerin für die Schulung der Menschen, aber auch der Pferde zuständig ist. Dafür hat Stowasser im Jahr 2009 nach ihrer klassischen Reitlehrerausbildung noch eine Ausbildung als Reitlehrerin für Menschen mit Behinderung absolviert. „Wir haben langsam angefangen, mit Nikita zu arbeiten, um ihn erst einmal an die Pferde zu gewöhnen“, erklärt Stowasser.

Zunächst habe Nikita das Pferd unter Anleitung geführt. Das mache er auch heute immer noch, bevor er mit Hilfe einer kleinen Leiter aufsteigt. Es habe eine Weile gedauert, bis er zum ersten Mal auf einem der insgesamt sieben Therapiepferde saß, die der Verein heute besitzt, schildert die Lehrerin.

Heute kann Nikita vom Reiten gar nicht genug bekommen. Die meisten körperlichen und psychischen Probleme haben sich massiv verbessert. „Meine Lieblingsübung ist der Galopp“, sagte der Junge und strahlt dabei. Ein Lieblingspferd habe er nicht, fügt er hinzu. „Ich mag den Kuba, den Fenus und den Mars“, zählt Nikita drei Namen der Therapiepferde auf.

Nikita kam wie viele der 60 Reiter mit Handicap, die jede Woche Therapiestunden nehmen, durch eine mit dem Verein kooperierende Einrichtung zum Reitsportverein. „Nikita kam das erste Mal mit anderen Kindern der Helen-Keller-Schule zu uns“, erinnert sich Carmen Stowasser. Da das therapeutische Reiten bald Erfolge zeigte und Nikita zum Beispiel zu sprechen begann, entschlossen sich die Eltern, weitere Therapiestunden aus eigenen Mitteln zu finanzieren. „Leider ist es so, dass die Kosten für das therapeutische Reiten nicht von den Krankenkassen ganz oder wenigstens zum Teil übernommen werden“, sagt die erste Vorsitzende des Rüsselsheimer Reitsportvereins, Cora Rothenstein. Allerdings gebe es im Bezug auf diese Problematik offene Ohren bei der Regionalpolitik. „Wir vom Vorstand arbeiten gerade zusammen mit Landrat Thomas Will und der Landtagsabgeordneten Kerstin Geis an einem Konzept. Ich bin recht optimistisch“, so Rothenstein. Neben der Helen-Keller-Schule kooperieren die Astrid-Lindgren-Schule, die Lebenshilfe-Wohnstätten Inselhof und der Verein Basis mit dem Reitsportverein.

Der Beginn der Therapiearbeit des Vereins war relativ unspektakulär, erinnerte sich Rothenstein. „Es gab im Jahre 2004 erste vereinzelte Anfragen im Bezug auf das therapeutische Reiten.“ Man habe dann zunächst eine Pilotphase gestartet. „Keiner aus dem Vorstand hatte zuvor etwas mit integrativer Behindertenarbeit zu tun“, gibt Rothenstein zu. Man sei sich aber von Anfang an einig gewesen, dass die Reitschüler mit Handicap zusammen mit Reitschülern ohne Handicap unterrichtet werden sollen. „Es ist heute im positive Sinne so, dass es den anderen Mitgliedern im Verein gar nicht mehr auffällt, ob ein Mitglied behindert ist oder nicht. Alle machen alles nach ihren Fähigkeiten gemeinsam. Es gibt in den Köpfen keine Barrieren.“

Die Therapiearbeit des Rüsselsheimer Reitsportvereins ist heute Alleinstellungsmerkmal in der Region. „Man muss schon 30 bis 40 Kilometer fahren, bis man wieder auf einen Reitverein trifft, der eine ähnliche Arbeit macht“, sagt Cora Rothenstein stolz. Im Februar vergangenen Jahres wurde dem Verein bei der Sportlerehrung der Stadt von Stadtverordnetenvorsteher Heinz Schneider der Ehrenpreis für das besondere ehrenamtliche Engagement in der Therapiearbeit verliehen.

Doch der Verein hat schon weitere Pläne: „Wir planen die Gründung einer Therapiegruppe für sechs bis acht Flüchtlingskinder. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gesund oder behindert sind“. Auch in diesem Zusammenhang sei der Vorstand ebenfalls mit Will und Geis im Gespräch.

„Damit wir unsere Arbeit in der Zukunft überhaupt so gut weitermachen können, steht ein weiteres Riesenprojekt an, in dessen Zusammenhang wir bereits eine Arbeitsgruppe gegründet haben – der Bau einer neuen Reithalle“, kündigt die erste Vorsitzende an. Die jetzige Reithalle ist bereits 51 Jahre alt. Für das Großprojekt kann der RSVR viel Unterstützung jeglicher Art gebrauchen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare