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GPR-Krankenschwester Sandra Kalkan-Linay (links) richtet klare Worte an die Politik und die Arbeitgeber, Michaela Stasche hält das Megafon. Foto: Stella Lorenz

Warnstreik

Streiks in Rüsselsheim: Mit Maske und Banner für mehr Lohn

  • Stella Lorenz
    vonStella Lorenz
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Verdi organisiert zwei Aktionen in Rüsselsheim - Rund 450 Angestellte laufen am Dienstag mit.

Rüsselsheim – Dienstag, 7 Uhr morgens. Knappe zwei Grad sind es draußen, und stockfinster ist es auch. An der Tankstelle des Städteservice ist ungewohnt viel los, immer mehr Menschen in neonorangerfarbenen Warnwesten und Jacken finden sich ein.

Knapp 50 Personen, alle tragen Mund-Nasen-Schutz, viele Banner oder Umhängeschilder, machen sich bereit - es ist Streiktag für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, sie fordern mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen.

Ein paar Straßen weiter in der Kita Ahornallee brennt Licht. Hier hat sich die Belegschaft gegen die Teilnahme am Streik entschieden - und kam problemlos zur Arbeit. "Wir waren selbst verwundert", sagt eine Erzieherin. "Blockaden sind in Zeiten von Corona zu heikel, da kommt man sich zu nah", begründet Verdi-Vertrauensfrau Alex König den Verzicht.

Menschenschlange um das Rathaus

Sie steht um 7.30 Uhr mit weiteren städtischen Streikenden am Bahnhofsplatz, wo langsam die Sonne aufgeht und Banner, Absperrband, Tröten und Fahnen verteilt werden. Verdi-Vertrauensfrau Michaela Stasche kontrolliert noch mal die Batterien des Megafons.

Sie ist guter Dinge: "Wir hatten 2018 den letzten Streik, da war schon viel los, aber wir hatten in diesem Jahr unheimlich viele Neu-Beitritte in die Gewerkschaft", berichtet sie. Sie vermutet, dass auch Corona eine Rolle spielt. "Ich kann mir vorstellen, dass sich viele über den Arbeitgeberverband geärgert haben."

Kurz darauf stoßen die Städteservice-Streikenden zu den Wartenden und um 8 Uhr setzt sich der Pulk lautstark mit Ratschen und Klappern in Bewegung gen Rathaus. Damit die Abstände eingehalten werden, hat jeder ein langes Stück Absperrband bekommen, dessen Enden man selbst und die Nebenfrau oder der Nebenmann straff hält.

Eine gute Idee, denn sie vereinfacht die Aktion der Gewerkschafter: Einmal um das ganze Rathaus soll sich die Menschenkette wickeln. Eine gute halbe Stunde steht der Verkehr still auf der Frankfurter Straße, drei Polizisten und zwei Stadtpolizisten sind im Einsatz. Die sind entspannt: Die Hygienevorschriften würden eingehalten, alles laufe gesittet ab, sagt Michael Reinhart, Schutzmann vor Ort. Er schätzt die Anzahl der Teilnehmenden auf etwa 250.

Zwei Runden drehen die städtischen Angestellten um das Rathaus, dann beendet Michaela Stasche die Aktion am Landungsplatz per Megafon. "Wir haben das Rathaus umzingelt!", ruft sie. Sie ist zufrieden, vor allem die Menschenkette - eher aus der Corona-Not heraus geboren - habe gut funktioniert. "Das hat super geklappt. Die Leute hatten alle Masken auf und haben sich gut beteiligt."

Ähnlich sieht es auch bei der zweiten Aktion später am Vormittag aus: Hier treffen sich schätzungsweise knapp 200 Demonstranten am Parkplatz vor dem Lachebad, um gemeinsam zum GPR-Klinikum zu marschieren.

Deutlicher Appell aus dem GPR

Dort richtet GPR-Krankenschwester und Verdi-Vertrauensfrau Sandra Kalkan-Linay klare Worte an ihre Mitstreiter: "Das Personal leistet Außerordentliches. Aber es muss sich einfach lohnen", sagt sie. Um etwas zu erreichen, seien alle gefragt. "Zusammenstehen mit Sicherheitsabstand ist angesagt." Die Situation sei prekär, nicht nur im Pflege- und Gesundheitswesen. "Seit Jahren stehen die Beschäftigten unter extremem Druck und Herausforderungen mit wenig spürbarer Anerkennung", so Kalkan-Linay.

Gerade jetzt werde die Bedeutung des öffentlichen Dienstes für die Gesellschaft deutlich. "Wir sind systemrelevant - doch Applaus und Lob verbessern nicht die Arbeitsbedingungen und reduzieren nicht die Belastung." Ihr Appell an Arbeitgeber und Politiker: "Tut was für uns, damit wir weitermachen können und wollen."

Diesen Auftrag versprach Stasche weiterzutragen - und kündigte indirekt weitere Streiktage an: "Wenn kein anständiges Arbeitgeberangebot auf den Tisch gelegt wird, kommen wir wieder." Stella Lorenz

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