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Christian Bihn, Vorstandsmitglied des Freien Kunst- und Kulturvereins Rüsselsheim, hängt blaue Säcke ans Dach des Trafhohäuschens. Foto: Dorothea Ittmann

PROTEST

Streit um Aktion droht zu eskalieren

  • Dorothea Ittmann
    vonDorothea Ittmann
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Freier Kunst- und Kulturverein will Trafohäuschen auf dem Opel-Platz in Rüsselsheim verhüllen. Die Polizei schreitet ein.

Rüsselsheim – So hatten sich Christian Bihn, Steffen Jobst und Peggy LaBel vom Freien Kunst- und Kulturverein (FKK) Rüsselsheim die gestrige Kunstaktion am Trafohäuschen auf dem Opel-Platz sicherlich nicht vorgestellt. Vorstandsmitglied Christian Bihn hatte die Presse eingeladen, um Zeuge der symbolischen Verhüllung des leuchtend blauen Trafohäuschens zu werden. Immer wieder steigt er die Sprossen der Leiter hinauf, um die anderthalb Meter langen, mit blauen Müllsäcken behangenen Holzlatten über die Kante des Flachdachs zu legen. Mehrmals wird die Leiter umgeworfen, so dass Bihn bei der Kunstaktion massiv behindert wird.

Während Bihn ein ums andere Mal versucht, die widerspenstigen Müllsäcke aufzuhängen, redet Anwohner Jörg Kallnischkies auf ihn ein: "Das ist völliger Quatsch! Warum wurden wir nicht über diese Aktion informiert?" Wiederholt habe sich Bihn verbal und schriftlich mit den Gegnern der Neugestaltung der Umspannstation auseinandergesetzt. "Ich habe erwartet, dass ich körperlich angegangen werde", sagt der Aktionskünstler später.

Die Emotionen kochen bei allen Beteiligten hoch, es drohen Handgreiflichkeiten. Dann erscheint die Stadtpolizei auf der Bühne. Die fünf Männer in Uniform beobachten zunächst das Geschehen, dann greifen sie ein und beenden die Kunstaktion des FKK. "Wir wollen eine Eskalation verhindern", erklärt Sebastian Cornels von der Stadtpolizei. Außerdem: "Die Aktion war nicht angemeldet."

Dass der FKK sein Vorhaben bei der Stadt hätte anmelden müssen, ist Christian Bihn nicht bekannt, wie er sagt. Er habe die Stadtwerke darüber in Kenntnis gesetzt. Man habe ihn darauf hingewiesen, dass die Lüftungsschlitze der Umspannanlage nicht verdeckt werden dürfen, weil sonst Brandgefahr bestehe. Das bestätigte gestern Jürgen Gelis, Pressesprecher der Stadtwerke, auf Nachfrage des Rüsselsheimer Echos. "Wir haben Herrn Bihn gebeten, die Aktion sein zu lassen", so Gelis.

Bihn beruft sich auf die Freiheit in der Kunst. "Das ist Aktionskunst. Kunst muss nicht gefallen." Er hätte die Mülltüten ohnehin nicht dauerhaft hängen gelassen, beteuert er. Außerdem habe er angesichts der steigenden Infektionszahlen mit Covid-19 nur die Presse auf den Opel-Platz eingeladen. Ein größerer Menschenauflauf sollte so verhindert werden. Dennoch sammeln sich innerhalb weniger Minuten Schaulustige und Anwohner am Platz.

Ein humoristisches Stilmittel

Marliese Kallnischkies ist empört über die blauen Müllsäcke, die die Nachbarschaft verschandelten. Dabei möchte der FKK mit ihnen als "humoristisches Stilmittel" auf den "Rechtsbruch am Opel-Platz" aufmerksam machen, wie Bihn in seiner Pressemitteilung schreibt. Doch die Aufmerksamkeit scheint keineswegs positiv zu sein, wie vom Verein erhofft.

Zum Hintergrund: Ein professioneller Graffiti-Künstler hat vor etwas mehr als einem Jahr die Fassade auf Wunsch der Stadtwerke neu gestaltet, nachdem sie mit Parolen und Beleidigungen beschmiert worden war. Jörg Kallnischkies ist zufrieden mit der Gestaltung; seitdem habe niemand mehr die Wand beschmiert. Die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt sieht das jedoch anders.

Denkmalgeschütze Grünanlage

Die gesamte Grünanlage, die in einer historischen Arbeitersiedlung gelegen ist, steht seit 2017 unter Denkmalschutz. Das bedeutet: Die Umspannstation muss farblich in die Umgebung passen, entweder mit einer unauffälligen sandfarbenen Bemalung oder einer Begrünung der Fassade. Getan hat sich bis heute nichts - genauso wie bei der Umwandlung gebührenfreier Parkplätze in der Alt-Haßlocher Straße in zeitlich eingeschränkte im Mai 2019.

Nach Protesten der Anwohner verhüllte Oberbürgermeister Udo Bausch (parteilos) kurzerhand die neuen Parkschilder mit blauen Mülltüten. "Seitdem stand diese Angelegenheit auch still", resümiert Bihn, der sich eine handlungsfähige Stadtverwaltung wünscht.

Bihn möchte die Kunstaktion nachholen, "wenn der Zeitpunkt richtig ist". Dann sicherlich mit Genehmigung der Stadt Rüsselsheim. Er werde seit Monaten von der Stadtverwaltung vertröstet. Das Trafohäuschen stehe aufgrund der Corona-Pandemie nicht oben auf der Prioritätenliste, heiße es. Eine Stellungnahme der Stadt zum Geschehen auf dem Opel-Platz liegt noch nicht vor. (dit)

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