Das Grundstück des ehemaligen Canadian Club in der Mainstraße ist völlig verwildert. Die Stadt möchte nun ihr Vorkaufsrecht wahrnehmen, um die Sanierung des Schäfergassenviertels voranzutreiben. FOTO: Dorothea ittmann
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Das Grundstück des ehemaligen Canadian Club in der Mainstraße in Rüsselsheim ist völlig verwildert. Die Stadt möchte nun ihr Vorkaufsrecht wahrnehmen, um die Sanierung des Schäfergassenviertels voranzutreiben.

Traum von „Mainpromenade“

Bauruine „Canadian Club“: Streit um Grundstück entschieden

  • Dorothea Ittmann
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Seit Jahren verwildert ein Grundstück in Rüsselsheim. Die Stadt hat jetzt das Gerichtsverfahren um das Vorkaufsrecht für einen Teil davon gewonnen. Der Eigentümer hat andere Pläne.

Rüsselsheim – Zersplitterte Glasscheiben, verkohltes Holz, eine mit Sträuchern überwucherte Hofeinfahrt: Die frühere Discothek Canadian Club ist als Schandfleck in Rüsselsheim bekannt. Vor 13 Jahren war der Tanzclub in der Mainstraße abgebrannt. Seitdem zerfällt die Brandruine zusehends. Das Grundstück hätte längst bebaut werden können, meint Eigentümer Ertekin Keskin.

Er wollte das rund 200 Quadratmeter große Nachbargrundstück dazukaufen, um dort Mietwohnungen, ein Eiscafé, eine Bar für Jugendliche und zwei Ladengeschäfte zu installieren. Doch die Stadt Rüsselsheim beharrte auf ihrem Vorkaufsrecht. Der Eigentümer wehrte sich dagegen und zog 2016/17 vor Gericht, auch eine Mediation konnte keine Einigung herbeiführen. Seitdem ist nicht viel geschehen.

Nun ist wieder Bewegung in die Sache gekommen. Am 9. Juni hatte das Verwaltungsgericht Darmstadt in erster Instanz entschieden, dass das Vorkaufsrecht der Stadt Rüsselsheim bestehen bleibt. "Der Magistrat wird von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen", teilt das Gremium mit. Die Stadt werde das Grundstück aber erst kaufen, wenn das Urteil rechtskräftig geworden ist, sprich nach dem 31. August.

"Wie lange noch?", hat jemand auf den Zaun vor dem ehemaligen Club geschrieben. Das dürften sich viele Rüsselsheimer fragen. Seit 13 Jahren gibt es den Schandfleck.

Kaufsumme für Grundstück im Rüsselsheimer Haushalt eingestellt

Angesichts der angespannten Haushaltslage durch die Corona-Pandemie zweifelte Keskin bis zuletzt daran, ob die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht überhaupt Gebrauch machen wird. "Die Stadt ist willens und auch in der Lage, den Kauf dieses Teilgrundstücks zu tätigen", räumt der Magistrat bestehende Zweifel aus. Die Kaufsumme sei mit Ausübung des Vorkaufsrechts in den Haushalt 2017 eingestellt worden. Und selbst ohne genehmigten Haushalt dürfe die Stadt nach der Hessischen Gemeindeordnung (HGO) "insbesondere Bauten, Beschaffungen und sonstige Leistungen des Finanzhaushalts fortsetzen, für die im Haushaltsplan eines Vorjahres Beträge vorgesehen waren".

Im Übrigen entscheide der Magistrat, nicht die Stadtverordnetenversammlung, über die Geltendmachung eines Vorkaufsrechts - sogar in unbegrenzter Höhe. Handelt es sich dagegen um ein Kaufangebot, ist die Zustimmung des Stadtparlamentes bei einem Grundstückswert von mehr als 290 000 Euro erforderlich. Ertekin Keskin habe der Stadt für das Restgrundstück jedoch bisher kein Angebot unterbreitet, heißt es aus der Verwaltung.

Eigentümer hat andere Pläne für Grundstück in Rüsselsheim

Der denkt gar nicht daran, seine Hälfte anzubieten. Er hat eigene Pläne. "Ich werde einen Bauantrag stellen und auf meinem Grundstück eine Eventgastronomie mit Mietwohnungen bauen", sagt er auf Nachfrage. Das Urteil des Verwaltungsgerichts wolle er nicht anfechten.

Ein viergeschossiges Gebäude mit Pultdach, wie beim MK-Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite, dürfe Keskin nicht bauen, weil Teile des Schäfergassenviertels nach dem hessischen Denkmalschutzgesetz als Gesamtanlage geschützt werden sollen und umliegende Bebauungen "negative Auswirkungen" auf Einzeldenkmäler haben könnten, wie im Bebauungsplan "Innenstadt Nord" steht.

Für Keskin bedeutet dies ein dreigeschossiges Gebäude mit Satteldach - für ihn reine Schikane. Schließlich seien andere Gebäude im Viertel höher gebaut. "In der Mainstraße wird immer schon hoch gebaut", sagt Keskin. Er nennt das Verwaltungsgebäude der Stadt in der Mainstraße 7 als Beispiel. Dieses hatten Projektplaner schon vor drei Jahren als "städtebauliche Fehlentwicklungen" und "Fremdkörper in der Baustruktur" bezeichnet. Das Gericht jedenfalls erachtet den Widerspruchsbescheid der Stadt vom November 2017 für rechtmäßig: Das Grundstück befinde sich in einem Sanierungsgebiet, in dem die Stadt Rüsselsheim plane, städtebaulichen Missstände zu beheben. Keskins Bebauungspläne erschwerten die Sanierung, wie sie bereits in der Sanierungssatzung aus dem Jahr 2004 formuliert wurde, gibt die Stadtverwaltung Auskunft über die Urteilsbegründung.

Eigentümer Ertekin Keskin führte vor fast genau vier Jahren die Mitglieder des Bauausschusses durch die Räumlichkeiten. Seitdem ist kaum etwas passiert.

Traum von der „Mainpromenade“ in Rüsselsheim

Dem Investor ist es jedoch ein Rätsel, wie der Bau eines Eiscafés und Mietwohnungen den Zielen der städtebaulichen Entwicklung entgegensteht. Die Idee einer Gastronomie mit Eiscafé in der Mainstraße könne er ohne den Kauf des Nachbargrundstücks nicht mehr verwirklichen, ist Ertekin Keskin enttäuscht. Dennoch möchte er ein gastronomisches Angebot schaffen.

Dass in der direkten Nachbarschaft bereits das MK-Hotel mit "Rüsselsheimer Bräu", das Restaurant Höll und die Event-Location "Rind" liegen, schreckt Keskin nicht ab. Sein Motto: Konkurrenz belebt das Geschäft. "Rüsselsheim muss attraktiver werden. Wir brauchen nicht noch einen Döner-Laden, einen Friseur oder eine Shisha-Bar." Der Rüsselsheimer träumt von einer "Mainpromenade" mit Angeboten für jedes Publikum. (Dorothea Ittmann)

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