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#metoo

Tabu-Thema sexuelle Übergriffe: "Jede Frau hat so eine Geschichte erlebt"

Seit rund zwei Wochen veröffentlichen Frauen auf der ganzen Welt Erfahrungen sexueller Übergriffe durch Männer. Was hält die Rüsselsheimer Beratungsstelle für Missbrauch-Opfer davon?

Der Skandal um den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein ist nicht nur ein Wendepunkt in der US-amerikanischen Debatte über sexuelle Angriffe auf Frauen – die Internet-Kampagne „#metoo“ avancierte in den vergangenen Wochen zu einem globalen Megatrend: Hundertausende Frauen posteten in sozialen Netzwerken eigene Erfahrungen sexueller Übergriffe. So auch Frauen aus dem Kreis Groß-Gerau.

Auf Facebook war von anzüglichen Zurufen in der Uni zu lesen, von Belästigungen auf Tanzflächen und frivolen Fragen in Vorstellungsgesprächen. Die unterschiedlichen Beiträge zeigen deutlich, wie sehr die Diskriminierung von Frauen in unseren Alltag hereinreicht. Doch warum ist das so? Und wie damit umgehen? Gibt es Lösungen? In Rüsselsheim kümmern sich die Mitarbeiter der psychosozialen Fachberatungsstelle Wildwasser um Frauen, die sexuelle Belästigungen erlebten. Intensiv verfolgen sie die aktuelle Debatte, und Wildwasser-Leiterin Susanne Winterstein sagt: „Man sieht, dass es in der Gesellschaft einen großen Bedarf gibt, darüber zu sprechen.“ Susanne Winterstein und ihre Kollegin Michaela Wilfer sind sich sicher: „Wahrscheinlich könnte nahezu jede Frau eine Geschichte über einen sexuellen Übergriff berichten.“

Winterstein und Wilfer leisten betroffenen Frauen Hilfe, sind bei Problemen und Fragen jederzeit erreichbar. „Jetzt, wo diese Debatte läuft, bekommen wir mehr E-Mails“, sagt Wilfer. Es scheint, als sei da in der Gesellschaft etwas aufgebrochen.

„Neu scheint mir, dass sich nun auch viele Männer solidarisieren und sich nun ernsthaft mit dem Problem auseinandersetzen“, sagt Susanne Winterstein. Tatsächlich berichten nun auch Männer im Internet unter dem Hashtag „I Have“ über eigenes Fehlverhalten gegenüber Frauen. Die Hoffnung steht im Raum, dass Männer aufhören, sexistische Witze zu reißen, Frauen zu diskriminieren, und dass sie sich fragen: Kann mir eine Frau eigentlich vertrauen?

Für Michaela Wilfer und Susanne Winterstein ist klar, dass Männer wissen, wann sie eine Grenze überschreiten. „Ein Übergriff ist immer ein Machtmissbrauch, immer eine Form der Herabstufung“, sagt Michaela Wilfer. „Und manche Frau denkt, dass sie solch einen Übergriff um der Karriere willen ertragen muss.“ Eine Hierarchie-Struktur sei immer ein großer Risikofaktor. Oft sei die Bedrohung durch einen Chef oder Vorgesetzten subtil, beginne mit kleinen Dingen. „Doch wenn ich nicht von vornherein klarstelle, dass ich gewisse Dinge unerträglich finde, dann gehen die Übergriffe immer weiter“, sagt Michaela Wilfer. Sie berichtet von Frauen, die angesichts einer Büro-Situation nahezu ohnmächtig waren: „Frauen haben Angst, ihren Job zu verlieren. Oder vor ihren Arbeitskollegen als Zicke dargestellt zu werden.“

Sexuelle Belästigung ist eine Straftat. Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes greifen hier je nach Fall verschiedene Paragrafen, von Beleidigung und übler Nachrede über Belästigung bis hin zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Arbeitnehmer sind darüber hinaus vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und dem jeweiligen Landesgleichstellungsgesetz geschützt.

Doch wie können sich Frauen wehren? „Frauen müssen sich ganz genau überlegen, was wirksam ist. Man muss das situationsabhängig entscheiden. Es ist allerdings imer ratsam, sich Hilfe zu holen“, so Susanne Winterstein. Sicher sei jedoch immer:

„Es gibt Hilfe!“

Bei Wildwasser können zeitnah Termine für Beratungsgespräche telefonisch oder per Mail vereinbart werden. Die Beratung ist kostenlos, auf Wunsch auch anonym.

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