Liebt Zahlen und Pflanzen: Mathematikerin Sandra Wolf leitet ab Oktober den landwirtschaftlichen Betrieb des Vereins Bio-Solawi "Auf dem Acker". FOTO: STELLA LORENZ
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Liebt Zahlen und Pflanzen: Mathematikerin Sandra Wolf leitet ab Oktober den landwirtschaftlichen Betrieb des Vereins Bio-Solawi "Auf dem Acker". FOTO: STELLA LORENZ

Porträt

Tausche Bürojob gegen Gemüseanbau

  • Stella Lorenz
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Der Öko-Verein Solidarische Landwirtschaft hat eine neue "Acker-Chefin". Ihr Wissen als studierte Mathematikerin kann Sandra Wolf dabei gut gebrauchen.

Rüsselsheim-Es ist 8.30 Uhr, noch ein wenig kühl, aber die Sonne scheint schon auf den große Folientunnel, aus dem Sandra Wolf gerade gut gelaunt kommt. Ab dem 1. Oktober übernimmt sie hier, im Betrieb der Bio-Solidarischen Landwirtschaft "Auf dem Acker", die Leitung. Nachdem sie als Mit-Initiatorin seit Gründung des Vereins Ende 2017 im Vorstand aktiv ist, hat sie den Schritt gewagt und ist nun hauptverantwortlich für alle Geschehnisse auf dem Acker. Dazu gehört nicht nur eine gehörige Portion vorausschauende Planung, sondern auch körperliche Arbeit.

Organisationstalent und Gartenfreundin

"Man merkt abends schon, was man getan hat", sagt Wolf schmunzelnd, die Schuffel - eine lange Holzstange mit Metallspaten am Ende zur Beikrautentfernung - in der Hand. Sie ist keine gelernte Gemüsegärtnerin, sondern diplomierte Mathematikerin und hat ihren Bürojob nun gegen die Arbeit im Freien getauscht. "Organisieren kann ich, und ich kenne mich schon gut mit Anpflanzen aus, aber ohne Charley hätte ich es mir vermutlich nicht zugetraut", sagt sie offen.

Charley Bode ist Demeter-zertifizierte Bio-Gemüsegärtnerin und gemeinsam mit Sandra Wolf und der dritten Acker-Expertin im Bunde, Amelie Schlottmann, verantwortlich für die Versorgung der 130 Mitglieder. Gerade hilft außerdem Praktikant Sebastian noch auf dem Feld aus - eine gute Besetzung, findet Wolf.

Sie hofft, dass die Solidarische Landwirtschaft nun in ruhigere Fahrwasser kommt, nachdem die bisherige Zeit recht unstet war. Bis vor einiger Zeit war Gärtner Malte Hövel verantwortlich gewesen, der sich aber einen größeren Betrieb wünschte und den Verein schweren Herzens verließ. Davor war Anne Leonhardt als erste Gärtnerin im Einsatz gewesen. Die Suche nach einem langfristigen, kompetenten Ersatz gestaltete sich schwierig. "Ein paar haben sich beworben, aber es gibt einfach zu wenige Fachkräfte, die sich mit bio-dynamischem Landbau auskennen", sagt Wolf.

Herzensprojekt von Anfang an

Die Vorstellung, dass die Solawi nicht fortbestehen könnte, machte Wolf zunehmend Angst. "Mir tat der Gedanke in der Seele weh, dass das alles kaputt geht", berichtet sie.

Da habe ihr Mann gesagt: "Dann mach du's doch." Sie sei erstaunt gewesen, zögerlich. "Ich kann das doch gar nicht", habe sie gesagt. Aber der Rückhalt der Familie und der Glaube an die Zukunftsfähigkeit des Projektes bestärkt sie in ihrer Entscheidung. Täglich fährt sie nun mit dem Rad zum Acker, plant, bespricht, pflanzt. "Ich freue mich so sehr, hier zu sein", sagt sie glücklich. "Es macht super Spaß."

Und auch ihre Vorliebe für Mathe bleibt nicht auf der Strecke: "Hier ist ziemlich viel zu berechnen und zu optimieren, zum Beispiel bei den Bestellungen", erläutert die 42-jährige Treburerin. Die langjährige Erfahrung der Arbeit in einem konventionellen Unternehmen nutzt sie außerdem: Vorne im Folienhaus steht eine weiße Flipchart, die Aufgabenteilung ist strukturiert, es gibt Teambesprechungen. "Unser Ziel ist ein ruhiges Jahr 2021 mit viel Gemüse", sagt Wolf.

Auf dem Acker, das sieht man ihr an, fühlt sie sich wohl. "Ich hätte mir das nie erträumt, es ist auch noch ziemlich surreal", sagt sie und lacht. Zuversichtlich ist sie allemal: "Es läuft!", sagt sie und macht sich wieder daran, den Boden aufzulockern - die Mangoldpflänzchen für den Winter warten schließlich schon darauf, gesetzt zu werden. Von Stella Lorenz

Infoveranstaltung zur Solawi

Die nächste Veranstaltung für Interessierte findet am 30. September von 18 bis 19 Uhr auf dem Acker statt. Treffpunkt ist am Wanderparkplatz an der Kreisstraße 159 (von Königstädten Richtung Trebur kommend rechts vor der Bahnüberführung) um 17.50 Uhr.

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