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Wie Tinder und Co. die Sexualität beeinflussen

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Soziale Medien haben einen Einfluss auf die Gesellschaft. Dass sie auch die Sexualität beeinflussen und eventuell sogar die Neuinfektionen mit Geschlechtskrankheiten fördern, wird bereits deutlich.

Durch einen Generationenwechsel kann sich in einer Gesellschaft vieles ändern – auch der Umgang mit Sexualität und die Art und Weise, sich zu verabreden. In den 80er und 90er Jahren sei viel ausprobiert worden, erklärt Dirk Simon, Sexualpädagoge bei Pro Familia in Rüsselsheim. Heute wünschten sich gerade viele Jugendliche wieder das 50er-Jahre-Ideal von Treue und langer Beziehung zurück.

Allerdings sei zu beobachten, dass viele junge Erwachsene häufig den Partner wechseln. Dating-Apps wie Tinder verzeichnen dementsprechend hohe Nutzerzahlen und verhelfen vielen jungen Erwachsenen zu einer ersten Kontaktaufnahme: Man verabredet sich unkompliziert für ein Rendezvous oder auch direkt zum Sex.

„Das vereinfacht Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern“, sagt Simon. Generell seien besonders junge Erwachsene dazu übergangen, „erst mal zu schauen, ob’s im Bett klappt“. Der Rest komme dann schon von alleine. Dass junge Erwachsene seltener in Beziehungen seien als früher, erklärt er unter anderem damit, dass Apps wie Tinder einem vorgaukelten, jederzeit einen „besseren“ Partner finden zu können. So sei manch einer auf einer ewigen Suche.

Falsche Rollenbilder

Auch bei Jugendlichen wirkten sich soziale Medien auf das Sexualverhalten aus. So kämen viele schon früh „mit krasser Sexualität“, beispielsweise durch Pornografie, in Berührung. Wenn er mit Schulklassen arbeite, zeige sich immer wieder, dass bei vielen Jugendliche ein Rollendenken ausgeprägt ist, wie es in Sexvideos häufig gezeigt wird, sagt Simon.

Es sei Aufgabe der Sexualpädagogik, solche Rollenbilder, wie zum Beispiel die der unterwürfigen Frau, zu entkräften. Dabei sagt er aber auch: „Die Me-Too-Debatte ist bei den Jugendlichen angekommen.“ Er beobachte immer wieder, dass junge Mädchen deutlicher formulieren, was sie wollen und ihr Selbstbewusstsein in dieser Thematik gestiegen ist. Und auch Jungs wollten sich von der Täterrolle abgrenzen und hörten ihnen zu.

Sexuell übertragbare Krankheiten (STI) sind trotzdem noch ein Tabuthema – und das, obwohl die Fallzahlen zunehmen, auch bei jüngeren Menschen. Die Datenlage sei zu solchen Krankheiten aber sehr schlecht, wendet der Rüsselsheimer Gynäkologe Dr. Andreas Löhr ein. Nur HIV und Syphilis müssen ans Robert-Koch-Institut gemeldet werden. Würden mehr Daten gesammelt, könnten die medizinischen Maßnahmen angepasst werden und auch bessere Aussagen über die Altersverteilung und die Entwicklung von Infektionen getroffen werden. Wegen des Datenschutzes sei aber gerade das nicht möglich.

Er mahnt, dass die Angst vor Aids zwar immer noch vorhanden sei, vor Krankheiten wie Chlamydien, die zur Unfruchtbarkeit führen können, aber nicht. „Gerade eine Infektion mit Chlamydien verläuft oft ohne Symptome“, erklärt der Mediziner. Ihre Übertragung durch Verhütung mit Kondom sei denkbar einfach zu verhindern. Dass auch hier die Zahlen gestiegen sind, ist nicht nachweisbar, aber zu vermuten.

„Laissez-faire“-Haltung

Interessanterweise sei der Kondomverkauf über die Jahre gestiegen, weiß Sexualpädagoge Simon. Er mutmaßt, dass Jugendliche großen Respekt vor ungewollter Elternschaft oder auch sexuell übertragbaren Krankheiten haben. Bei Erwachsenen gebe es stattdessen eine größere Sorglosigkeit.

Auch bei homosexuellen Männern sei eine gewisse „Laissez-faire“-Haltung zu beobachten. Verschreibungspflichtige Medikamente, die einer Infektion vorbeugen können, seien unter anderem ein Grund dafür. Anderen Krankheiten, die durch das Weglassen von Kondomen übertragen werden, werde dadurch freilich nicht vorgebeugt.

Klar ist für Dirk Simon aber, dass soziale Medien eine Rolle beim Sexualverhalten spielen. „Sie machen etwas mit der Gesellschaft“, ist er sich sicher. Online-Dating-Plattformen wie Tinder wirkten sich bei jungen Erwachsenen auf die sexuelle Aktivität aus: „Die hohe Verfügbarkeit von sexuellen Beziehungen kann etwas sehr Verlockendes haben“, sagt er. Dass dann durch Unvorsichtigkeit eine erhöhte Ansteckungsgefahr herrscht, liege auf der Hand.

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