Rassismus

Trainerin zeigt Kursteilnehmern, wie sie rechten Parolen im Alltag begegnen können

Sprachlos stehen viele Menschen populistischen, diskriminierenden und rassistischen Sprüchen gegenüber: Auf Einladung des Dekanats, bot Manuela Ritz kommunikatives und situatives Training gegen Rassismus.

„Der ist Türke, hat null Ahnung, kann ja nicht mal Deutsch“, sagt ein Fahrgast, der sich über die Verspätung des Linienbusses ärgert. Lautstark schimpft er: „So ein Depp!“ Der Busfahrer stellt sich taub, die übrigen Fahrgäste schweigen – wenn auch betroffen. Widerspruch riskieren? Lieber nicht. Alle ducken sich weg vor dem, der da so herrisch und herabwürdigend auftritt.

Johanna Becker von der Fachstelle Bildung im Dekanat Groß-Gerau / Rüsselsheim hat diese Situation beschrieben, um aufzuzeigen, welchen Einfluss diffamierende „Krachmacher“ gewinnen, wenn wir schweigen. „Menschenfeindlichkeit darf nicht hingenommen werden. Das Gespräch aufzunehmen, und die zu verteidigen, die Opfer von Diskriminierung sind, braucht Courage. Deshalb sind wir heute hier“, so Becker, die mit Kristin Flach-Köhler vom evangelischen Zentrum für interkulturelle Bildung ins Haus der Kirche zum Seminar gegen Alltagsrassismus eingeladen hat.

Kursleiterin war Manuela Ritz, Anti-Rassismus-Trainerin aus Berlin, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Sachsen, die aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe aus eigenem Erleben weiß, wovon sie spricht: „Ich bin seit 15 Jahren Anti-Rassismus-Trainerin, dachte mir damals: Wenn Du dauernd diskriminiert wirst, kannst Du auch Geld damit verdienen“, sagte sie salopp.

Hinter dieser Lässigkeit aber steht hohes Engagement, Menschen zur Achtsamkeit gegenüber Feindseligkeit und Vorurteilen zu bewegen und nicht zuzulassen, dass sich das starre, inhumane Weltbild von Rechtsextremen manifestieren kann. Abgefeimten Tendenzen innerhalb der Gesellschaft, die kein Anderssein dulden, Paroli zu bieten, übte Ritz mit den Kursteilnehmern kommunikativ in Szenen Reaktionen ein, die helfen, einzuschreiten, wo Unrecht geschieht und dabei zugleich das eigene Gesicht zu wahren.

Wolfgang Prawitz, Pfarrer für Ökumene im Dekanat, war einer der 20 Kursteilnehmer aus mehrheitlich pädagogischen und theologischen Berufen. Er pointierte das Anliegen mit einem Zitat von Theodor W. Adorno: „Ohne Angst verschieden sein zu können, darum geht es.“ Prawitz: „Wir befinden uns in einer Entwicklung, in der Rechtspopulisten zunehmend meinen, uns bestimmte Gruppen als Schuldige unterschieben zu können: Muslime, Emanzen, Migranten, Arbeitslose.“

Der Austausch über die Emotionen, die beim situativen Spiel diskriminierender Alltagsszenen und dem Hinausposaunen dummer Sprüche („Die Flüchtlinge kriegen alles bezahlt – und ich muss alles selbst zahlen“) hochkamen, verdeutlichte eindringlich das Unbehagen: Wer als unterlegen behandelt wird, fühlt sich bald auch so, braucht Ermutigung.

Wichtig war es, das emotionale Erleben Ausgegrenzter nachzuempfinden: Wie fühlt es sich an, beschimpft zu werden, man nehme den Deutschen Arbeitsplätze weg? Oder als „Schmarotzer“? Als „undankbarer Ossi“, als „Schwuchtel“, als „Neger“, als „Assi“? Und: Wie fühlt sich die eigene Hilflosigkeit als Beobachter an? Rassismus habe stets mit oben und unten, mit arm und reich, mit Kategorien wie höherwertig und minderwertig zu tun, so Manuela Ritz. Klar ist: Wo Rassismus herrscht, wird ausgegrenzt.

Dreisten und dummen Sprüchen beim Familienfest, in der Nachbarschaft, im Supermarkt, in der Schule oder beim Stammtisch entgegenzutreten („Durchatmen; klar, argumentativ, selbstbewusst und angemessen reagieren. Manchmal kann auch der betonte Abbruch eines Gesprächs das Richtige sein“), wirkt befreiend und ermutigt, täglich neu Position zu beziehen. Ritz sagte: „Um zu überzeugen, ist es wichtig, selbst klar zu sehen: In welcher Gesellschaft will ich leben?“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare