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Blick von der Niersteiner Straße auf einen Strommasten: Der könnte bald noch näher an den Häusern vorbeilaufen.

Bürger unter Hochspannung

Trassenbetreiber erörtert mit Anwohnern Anpassung der Leitungsführung

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Die Stromstrasse rückt näher an die Böllenseesiedlung heran, sollte es bei der geplanten Leitungsführung bleiben. Besorgte Anwohner melden sich beim Erörterungstermin zu Wort.

Tanja Anthes ist aufgebracht. Die Mutter und Bewohnerin der Böllenseesiedlung in Rüsselsheim sieht die Gesundheit ihrer Familie bedroht. „Der Fluglärm raubt uns den Schlaf, die Feinstaubbelastung ist hoch, und jetzt kommt noch die Stromtrasse dazu“, klagt Anthes. „Wenn es so weit kommt, ziehen die Verantwortlichen die Wirtschaftlichkeit unserer Gesundheit vor.“

Die Anwohnerin ist eine von rund zehn Männern und Frauen, die gestern zum Erörterungstermin in der Stadthalle erschienen waren, zu dem das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt eingeladen hatte. 55 Haushalte in der Böllenseesiedlung sind laut Harald Lehmann vom Fachbereich Umwelt und Planung der Stadt Rüsselsheim von den Plänen der Amprion GmbH betroffen.

Die Firma mit Sitz in Dortmund will die Umspannanlage südlich der Bundesstraße 43 zwischen Rüsselsheim und Bischofsheim in östliche Richtung erweitern – also näher an die Siedlung bauen. Dabei müssen die bestehenden 380-kV-Höchstspannungsfreileitungen und somit auch die betroffenen Strommasten versetzt werden.

Grund für die Erweiterung ist die geplante Stilllegung von Kraftwerken der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG. Durch den Ausfall der Kraftwerke reduziere sich die Einspeiseleistung in der Region, so derNetzbetreiber, weshalb ein weiterer Transformator und die damit einhergehenden Baumaßnahmen notwendig seien.

Sorge bereitet den Anwohnern vor allem die neue Trassenführung. Sie soll nur etwa 250 Meter von den Häusern entfernt verlaufen. Anwohner Heinz Pitsch möchte wissen, wie hoch eine eventuelle elektromagnetische Strahlung der Wechselstromleitungen sein kann. Fachmann Oliver Sanders von Amprion sagt, die elektronischen und magnetischen Felder nähmen etwa 20 Meter neben der Leitung rapide ab, weshalb die Belastung am Rande der Wohnsiedlung nicht mehr messbar sei.

Auch wenn es nach den Worten Sanders keinen wissenschaftliche Beleg für gesundheitliche Langzeitfolgen gibt, fordern die Anwohner einen Abstand zu Wohngebäuden in Siedlungsgebieten von 400 Metern, wie es im Landesentwicklungsplan Hessen geschrieben steht. Christoph Schmidt, Jurist des Unternehmens, stellte fest, dass ein Mindestabstand von 400 Metern nicht für Bestands-trassen gelte, woraufhin eine Diskussion darüber ausbrach, ob die geänderte Leitungsführung lediglich eine Erweiterung oder ein Neubau ist.

Amprion-Projektleiter Carsten Stiens und seine Kollegen beharrten darauf, dass es sich bei dem Vorhaben um eine Erweiterung handele, die Anwohner argumentierten für den Neubau. Auch Harald Lehmann von der Stadt unterstützte die Ansicht der Betroffenen. „Die 400 Meter sollen eingehalten werden, das dient dem Schutz der Gesundheit. Als Alternative stellen wir uns eine Erdverkabelung vor.“ Nicken bei den Rüsselsheimern. Ob nun die geänderte Trassenführung eine Erweiterung oder ein Neubau ist, werde die Planungsfeststellungsbehörde entscheiden, warf Lehmann ein.

Ein weiterer Kritikpunkt der Anwohner: Falls Ultranet kommt, muss die Trasse womöglich erneut versetzt werden. Ultranet ist eine 340 Kilometer lange Gleichstromverbindung zwischen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, die womöglich durch den diskutierten Korridor verlegt werden könnte. Dabei verläuft erstmals Gleich- und Wechselstrom mit einer Spannung von 380 Kilovolt auf denselben Masten. Der Vertreter der Stadt äußerte Bedenken, wie sich die elektromagnetische Strahlung eines solchen Hybrids auf die Umgebung auswirken könnte.

Stiens verwies darauf, dass die Pläne für das Projekt Ultranet derzeit bei der Anpassung der Leitungsführung keine Berücksichtigung finden könnte, da noch nicht abzusehen sei, wann das Projekt umgesetzt werden könnte.

Doch weder der Verlauf des Ultranet noch die Erweiterung der Umspannanlage waren genau genommen Thema des Erörterungstermins. Letzteres wurde bereits genehmigt, was die Anwohner sichtlich frustrierte. Lediglich die Leitungsführung stand zur Debatte. Das RP wird nun das Gespräch auswerten und mögliche Änderungen am Bebauungsplan vornehmen. Wann das RP einen Planfeststellungsbeschluss vorlegen wird, ist noch nicht klar.

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