1. Startseite
  2. Region
  3. Kreis Groß-Gerau
  4. Rüsselsheim

Der Traum vom Gratis-Nahverkehr

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Einfach einsteigen und nichts dafür bezahlen? Kostenloser Busverkehr in Rüsselsheim bleibt vorerst eine reine Fantasie.
Einfach einsteigen und nichts dafür bezahlen? Kostenloser Busverkehr in Rüsselsheim bleibt vorerst eine reine Fantasie. © Robin Göckes

Wie realistisch ist denn nun der kostenlose öffentliche Personennahverkehr in Rüsselsheim? Ein Gedankenspiel mit allerlei Hindernissen.

Endlich – der Bus kommt. Viele Leute steigen aus, viele ein. Keiner muss ein Ticket lösen. Der Busverkehr in Rüsselsheim ist kostenlos. Wäre das nicht prima? Doch leider, leider: Diese Szene ist momentan noch ein reines Gedankenspiel. Aber ist es denn theoretisch realisierbar, den ÖPNV in der Opel-Stadt kostenfrei anzubieten? Während Deutschland über die Gratisnutzung von Bus und U- Bahn diskutiert, wird dieses System in Estlands Hauptstadt Tallinn seit fünf Jahren praktiziert. Die Frage ist: Wem und wer nutzt das? Und wo könnten Probleme auftauchen?

Jürgen Gelis von den Rüsselsheimer Stadtwerken sieht zwei Seiten der Medaille: „Das Problem bei kostenlosem Nahverkehr ist die Finanzierung.“ Denn irgendwie müsse ja das Personal entlohnt werden. „Wenn es am Ende vom Tag jemanden gibt, der das bezahlt, ist das natürlich kein Thema“, so Gelis.

Dass die vorhandenen Strukturen – also beispielsweise etablierte Haltestellen und Fahrtzeiten – ausreichen, steht für ihn dagegen erst einmal fest. Fakten sprechen dafür: „Wir haben derzeit rund 12 000 Fahrgäste pro Tag, die Zahl ist etwas gestiegen“, sagt Gelis.

Alle wollen Auto fahren

So, wie das Netz derzeit ausgebaut ist, sei es erst einmal gut. „Der Sinn der Sache ist ja, dass mit kostenloser Busnutzung mehr Leute das Auto stehen lassen und den Bus benutzen“, meint Gelis. In diesem Fall sei ein Ausbau eventuell denkbar.

Die Individualmobilität durch das eigene Auto habe aber derartig zugenommen, dass das heutige Fahrgastaufkommen mit dem aus den Sechzigern oder Siebzigern nicht vergleichbar ist. Kostenfreie Busbenutzung an verkaufsoffenen Sonntagen habe es früher schon einmal gegeben, weiß Gelis. Die Kosten hätte damals die Stadt getragen.

Die Bus fahrenden Rüsselsheimer dagegen sind von der Idee angetan. „Mobilität ist wichtig“, sagt eine an einer Bushaltestelle wartende Rentnerin. Sie erledigt ihre Einkäufe mit dem Nahverkehr. „Wenn der Verkehr kostenlos wäre, wäre das schon sehr schön.“ Eine alleinerziehende dreifache Mutter stimmt ihr zu: „Ich bin auf den Bus angewiesen und die Kosten läppern sich mit der Zeit.“

Das derzeitige System findet sie ungerecht: „In meinem Heimatland fahren meine Eltern kostenlos, weil sie Senioren sind“, sagt sie. Wenn der Nahverkehr nur günstiger würde, oder einzelne Personengruppen kostenlos fahren könnten, wäre das auch schon viel wert. Diese Regel würde allerdings kaum das Ziel, mehr Autofahrer zum Umstieg zu bewegen, treffen. Denn die meisten Autofahrer seien schließlich Berufstätige, die die Unabhängigkeit durch ihren fahrbaren Untersatz schätzen würden.

Ohnehin planen die Stadtwerke derzeit keine Umstellung auf einen kostenlosen Nahverkehr. „Wann und wie oft gefahren wird, das legt die Stadt fest“, sagt Gelis. Dabei können aber nicht die Stadtverordneten die Stadtwerke beauftragen. Das Bindeglied stelle die Lokale Nahverkehrs-Organisation dar, eine 100-prozentige Tochter der Stadt.

Kein Kommentar

Zur Idee des kostenlosen Busverkehrs sagt die ehrenamtliche Dezernentin für Mobilität, Marianne Flörsheimer (Linke / Liste Solidarität): „Ich bin absolut dafür, den ÖPNV kostenfrei zu gestalten. Nur darf das finanziell nicht zulasten der Kommunen gehen.“

Die Rentnerin und die dreifache Mutter an der Bushaltestelle sind sich jedoch sicher: Dass der Busverkehr kostenlos wird, ist unrealistisch. „Da glaube ich eher an den Weihnachtsmann“, sagt die Mutter. Der Bus kommt, die Frauen steigen ein. Als er dann losfährt, unterhalten sich beide noch immer. Anlass für Gesprächsstoff bietet das Thema offenbar allemal.

Auch interessant

Kommentare