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Gabi Mala, Rebecca Smith und Sandy Wolf (von links) sind stolz auf das eigenständige Psycholotsen-Café.

Groß-Gerau: Psycholotsen helfen seelisch Kranken

„Trink lieber Kaffee mit uns, als das Rollo zuzumachen“

Die Psycholotsen haben ihr Angebot erweitert: An jedem dritten Freitag im Monat ist Kaffeetreff.

Rebecca Smith schneidet Kuchen an, Gabi Mala trägt Kanne, Milch und Zuckerdöschen zum Tisch, an dem bereits drei Besucher Platz genommen haben: Es ist Freitag, und es ist Kaffeezeit im Haus der Psycholotsen.

„Wir machen jetzt jeden dritten Freitag im Monat das neue Angebot eines offenen Cafés. Ab 16 Uhr sind Besucher willkommen, die der Einsamkeit ihrer vier Wände entfliehen wollen, die vielleicht in einer heiklen Lage sind und sich mit Leuten austauschen wollen, die wissen, dass das Leben einen ganz schön beuteln kann“, erklärt Sandy Wolf.

Die junge Frau gehört ebenso wie Rebecca Smith und Gabi Mala zum Kernteam der Psycholotsen. Seit Mai 2015 haben die Psycholotsen, eine 2012 gegründete Gruppe seelisch Erkrankter, die offensiv mit ihrer Situation umgehen, unter dem Dach der „Stiftung für seelische Gesundheit“ in der Heimstätte ein Domizil angemietet. Küche, Büro und Aufenthaltsraum bieten Platz für Gemeinschaft. Jeden Montag ist telefonische oder persönliche Sprechstunde für alle, die Ansprechpartner suchen, die als „Experten in eigener Sache“ wissen, wie sich psychisches Leid anfühlt.

Flankiert werden die Psycholotsen von Paten, von Therapeuten und Betreuern, die indes für die jeweiligen Besucher nicht im Fokus stehen. „Unser Angebot ist ein Selbsthilfeprojekt und wir alle haben das, was Gäste uns berichten, selbst durchgemacht – Depression, Magersucht, Psychosen. Für jedes Leid haben wir unsere Experten, die aber längst wieder auf den Beinen sind“, erklären Rebecca Smith und Gabi Mala bei einer Tasse Kaffee.

Und, stolz: „Wir sind der lebende Beweis dafür, dass es einen Ausweg aus psychischen Krisen gibt.“ Ein Schritt zur Gesundung, der von der Stiftung für seelische Gesundheit sehr wichtig genommen wird, heißt: „Steh zu dir. Und steh zu deiner Erkrankung, aber lass sie nicht die Macht über dein Leben gewinnen.“ Der Blick wird auf das gerichtet, was prima klappt. Was Freude macht, was Lebensmut verleiht.

„Prävention ist entscheidend. Wenn du das Gefühl hast, du kommst in der Depression nicht von der Couch hoch, trink lieber einen Kaffee mit uns, als das Rollo runterzulassen“, raten Mala und Wolf.

Der Gang zu Fachärzten, Medikation oder stationäre Behandlung seien nicht immer notwendig. „Und wenn doch, wissen wir, wo Ansprechpartner sind, die dich als Mensch und nicht als einen Fall von Tausenden begreifen“, so die Psycholotsen. Supervision der Psycholotsen-Gruppe unter fachlicher Anleitung gehört zum Konzept.

Das monatliche Freitagscafé der Psycholotsen, die ihre Ideen für Kommunikation und respektvolles Miteinander selbständig organisieren, flankiert nun die weiterhin bestehende Montagssprechstunde.

Und: „Unser Engagement ist komplett ehrenamtlich. Miete, Telefon-und Fortbildungskosten sind aber kein Pappenstiel. Damit wir auch in Zukunft für alle da sein können freuen wir uns über jede Spende“, so die Psycholotsen. Ein Blick zur Kaffeetafel zeigt: Während die Gäste, die teils privat, teils aus Tagesstätten und aus dem Betreuten Wohnen kommen, sich die Köstlichkeiten schmecken lassen, wird (mit)-geteiltes Leid zu halbem Leid. Da gibt es gar Augenblicke des Scherzens. „Ich habe lange nicht mehr so gelacht. Das tut gut“, sagte eine Frau. „Ich komme wieder.“

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