Rezitationsabend

Tête-à-tête mit Juliette

Mitten ins Herz von Paris zielte ein Rezitationsabend mit Burkhard Engel: Schwelgend in der eleganten Leichtigkeit der Stadt, die der strengen, deutschen Disziplin stets fremd gegenüberstand, rief Engel literarisch das Flair der zwanziger Jahre wach.

Von CHARLOTTE MARTIN

„Ach, die Sterne sind am schönsten in Paris“, schwärmt Juliette beim Tête-à-tête auf dem Balkon: Heinrich Heines Verse über die kühle Liebe der Französinnen, die erst unterm Sternenzelt zur Hingabe reift, ließ das Publikum sehnsüchtig aufseufzen.

Ein literarischer Abend mit viel Amour und Esprit stand in der Stadtbücherei auf dem Programm. Rund 70 Literaturfreunde lauschten Versen und Prosa namhafter Autoren, die dem Charme von Paris huldigten. Burkhard Engel, der 1995 das Cantaton-Theater gründete und als Rezitator, teils mit Musik, im Team oder solo, durch die Republik tourt, las Texte von Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Klaus Mann und anderen. Dabei hatte er seine Auswahl primär aus deutscher Literatur zwischen 1920 und 1930 getroffen, als die Ressentiments gegen Frankreich hartnäckig kultiviert wurden.

Jene Autoren, die Engel, ausgewiesener Literaturkenner, Orientalist und Theologe, zu Gehör brachte, konterkarierten diese Stimmung, indem sie das grandiose französische „Laissez-faire“, die Kunst des „Savoir-Vivre“ der militärischen Disziplin der Deutschen aufs Schönste gegenüberstellten. Viele der rezitierten Autoren gehörten wenige Jahre später zu den „verbrannten Dichtern“ des Nationalsozialismus – eine Kenntnis, welche die Texte tragisch grundierte.

Bereits mehrmals war Burkhard Engel seit 2008 in der Stadtbücherei mit einem seiner literarischen Programme zu Gast. Er war auch diesmal der Einladung von Kultur 123 zur Reihe „Fokus Stadt“ gern gefolgt.

Schwelgen in Rotweingenuss

Herrlich, wie er mit Versen von Georg Heym das Schwelgen in Unabhängigkeit und Rotweingenuss hörbar machte, „Vom Wein der Freiheit, der das Herz betört“ rezitierte oder auch die verklärende Idylle Erich Kästners nicht ausließ, träumerische Lyrik, die Kästner, wohl wissend um ihre politische Gefährdung, 1928 zu Papier brachte.

Im Gedicht „Jardin du Luxembourg“ heißt es: „Dieser Park liegt dicht beim Paradies. Und die Bäume blühn, als wüssten sie’s.“ Klaus Mann – Sohn des Übervaters Thomas Mann –, der 1933 ins Exil nach Frankreich ging, schrieb: „Es gibt einen vorgefassten Enthusiasmus zu Paris, doch die Wirklichkeit ist noch zauberhafter. Ich verliebte mich in eine Stadt. Warum? Wegen ihrer Perlmuttblässe, ihren Gerüchen, Farben, ihren lärmenden Cafés und der absurden Großartigkeit von Sacré Coeur.“

Da saßen die Zuhörer lauschend in den Stuhlreihen, die zwischen den Bücherregalen leger platziert worden waren, da nippten sie versonnen am Rot- oder Weißwein, der auf kleinen Beistelltischchen nicht fehlen durfte.

Burkhard Engel ließ mit Tucholsky „das menschliche Paris“ aufleben, beschrieb das anheimelnd Provinzielle der Quartiers, die Liebenswürdigkeit im Umgang, bei dem das respektvolle „Monsieur“ oder „Madame“ kaum einer Konversation fehlt. „Hat man einmal Monsieur gesagt, fällt es schwer, eine Bosheit hinten anzuhängen“, hieß es heiter. Und natürlich kam auch die Concierge zur Sprache, jene Hausmeisterin in ihrer Loge, an der kein Mieter ungeschoren vorbeikommt. Friedrich Siegburg, der um 1926 Auslandskorrespondent in Paris war, hat jene unsterbliche Gattung der „Hausdame im Parterre“ köstlich beschrieben, Burkhard Engel leuchtete den Text mit spitzer Betonung witzig aus.

Von der Liebe zur Freiheit

Und auch Heinrich Heine, den übrigen Autoren des Abends um ein Jahrhundert voraus, traf die unvergänglich individualistische Gestimmtheit der Franzosen auf den Punkt: „Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter.“ Da lachten die Zuhörer amüsiert.

Und Friedrich Siegburg formulierte um 1930 Folgendes: „Der Pariser marschiert nicht mit. Er ist ein Wesen für sich.“ Nur zehn Jahre später wehten Hakenkreuzflaggen in Paris – doch dieses schaurige Kapitel der Geschichte, als viele Autoren verstummten, blieb ausgespart.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare