Wandel im Handel

Uhren Weiss schließt im Januar

Nach 60 Jahren schließt das Traditionsgeschäft Uhren Weiss im Januar. Zu wenig Kunden und ein verändertes Kaufverhalten nennen die Inhaber als Gründe für den schweren Schritt.

Von REGINA DÖRHÖFER

„Wir haben nicht einfach nur Uhren und Schmuck verkauft, wir haben Service angeboten“, sagt Anna Weyer, die als Tochter des Firmengründers Manfred Weiss gestern Morgen das Ende des Traditionsgeschäftes Uhren Weiss für Anfang des kommenden Jahres offiziell verkündete. Fehlende Passantenfrequenz und ein verändertes Kaufverhalten seien die Hauptgründe für den schweren Entschluss gewesen, besteht das Geschäft im Januar 2016 doch immerhin seit 60 Jahren.

„Ich habe im Laden meine Kindheit verbracht“, erklärte Anna Weyer. Selbst ihr späterer Ehemann Gerald Weyer lernte schon als Schulkind bei seiner späteren Schwiegermutter, in Schönschrift Etiketten auszuzeichnen. So sind mit dem Uhrenhaus viele persönliche Erinnerungen von langjährigen Mitarbeitern verbunden. Die 14 Mitarbeiter wurden frühzeitig in die Entscheidung des Geschäftsschlusses eingeweiht und konnten mittlerweile alle einen neuen Arbeitgeber oder gar eine eigene Geschäftsidee entwickeln. „Die Loyalität der Mitarbeiter ist hoch. Alle bleiben uns bis zum Verkaufsschluss treu, und so wird sich in den nächsten Monaten an Qualität und Service nichts ändern“, verspricht Anna Weyer. Auch das Sortiment sei nach wie vor hochaktuell, und so könnten die Kunden auch für ihre Weihnachtsgeschenke die Trends bei Uhren Weiss erwerben.

„Es ist der Wandel im Handel“, sagt Weyer, die aber auch die örtlichen Entwicklungen in der Rüsselsheimer Innenstadt nicht verschweigen mag. Von einem angenehmen Einkaufsflair habe sich die Fußgängerzone seit Anfang der 90er-Jahre immer mehr entfernt, und wenn die Weyers heute aus der Ladentüre blicken, finden sie eben kaum noch Fachgeschäfte, sondern vor allem Wettbüros und Spielhallen in ihrer Nachbarschaft.

„Wir können der Stadt Rüsselsheim nicht allein die Schuld geben, aber es wurden Fehler gemacht“, sagt Weyer, die die Opel-Stadt dennoch nicht aufgeben möchte. „Die Stadt wird sich berappeln und vielleicht bringt ja der Hessentag neuen Schwung“, so Weyer, die damit auch Jungunternehmern Mut machen möchte. Vielleicht fände sich ja auch noch ein Nachfolger für das Traditionsgeschäft. Glaubt doch beispielsweise auch der 38-jährige Uhrmacher Carsten Müller, dass sein fachliches Können für eine neue Existenzgründung die Basis ist. Der Treburer, der vor 22 Jahren seine Ausbildung bei Uhren Weiss begann und sich bis heute um die kostbaren Schätze der treuen Kunden kümmert, sucht derzeit nach einem passenden Ladengeschäft. Schon jetzt legt Müller jeder Uhrenreparatur seine eigene Visitenkarte bei, so dass den Kostbarkeiten auch in Zukunft der passende Service garantiert sei. „Viele Juweliere reparieren heute nichts mehr, tauschen nicht mal mehr eine Batterie, sondern geben alles in die Hände von Agenturen. Bei uns war das Handwerk vor Ort“, erklärt Gerald Weyer. Auch die Lieferanten machten es den kleinen Fachgeschäften heute nicht einfach, denn wer große Spitzenmarken im Sortiment haben möchte, der müsse alljährlich ein Sortiment abrufen, dass an die 100 000 Euro reichen könne. „Kein Lieferant nimmt Rücksicht darauf, dass man seinen Laden nur in Rüsselsheim hat“, so Weyer.

Anna Weyer glaubt, dass grundsätzlich die Kaufkraft in Rüsselsheim vorhanden sei, doch das Bild der Innenstadt mache es jedem Gewerbetreibenden schwer. „Unsere potenziellen Kunden aus den Nachbarstädten sind längst in die umliegenden Großstädte abgewandert und finden nur noch selten den Weg in unsere Fußgängerzone“, sagt die Geschäftsführerin.

In der vergangenen Woche wurden die Stammkunden über die angestrebte Geschäftsaufgabe informiert. „Die Kunden strömten zu uns, um ihr Bedauern zu äußern. Das ist ergreifend“, sagt Gerald Weyer, der noch nicht sagen kann, wie das Geschäftshaus weiterhin genutzt werden wird: „Verkauf, Vermietung – alle Optionen sind offen.“ Bis zum Ende des Jahres aber läuft der Geschäftsbetrieb mit allen Serviceleistungen wie gewohnt, doch sollten Kunden schauen, dass sie bis dahin ihre Gutscheine eingelöst haben.

Preisreduzierungen sorgten nun für eine besondere Einkaufsattraktivität. „Wir sind unseren langjährigen Kunden unendlich dankbar für ihre Treue und das in uns gesetzte Vertrauen“, meinte Anna Weyer, die wehmütig auf eine Schwarz-weiß-Fotografie aus dem Jahre der Geschäftseröffnung blickte. Die Eltern hätten das Geschäft als gelernter Uhrmacher und Goldschmiedin mit Fleiß und fachlichem Können aufgebaut. Der 85-jährige Manfred Weiss sehe die Entscheidung zum Geschäftsschluss aber eher pragmatisch und hadere nicht mit dem Schicksal seines Lebenswerkes.

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