Die Ermittler hatten am 23. September vergangenen Jahres am Tatort an der Bushaltestelle in Königstädten eine Menge zu tun. foto: 5visionmedia
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Die Ermittler hatten am 23. September vergangenen Jahres am Tatort an der Bushaltestelle in Königstädten eine Menge zu tun.

Prozess

Ungebremst in das Opfer gerast

  • vonWalter Scheele
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Zweiter Prozesstag zur Auto-Attacke an einer Bushaltestelle in Königstädten: Ein Gutachter zeichnet vor Gericht die Abläufe am Tatort nach. Das Urteil könnte schon bald gefällt werden.

Königstädten -Was trieb den 32-jährigen Angeklagten am 23. September vergangenen Jahres dazu, in der Bushaltestelle Astheimer Straße im Rüsselsheimer Stadtteil Königsstädten mit seinem Auto einen 24-Jährigen anzufahren und schwer zu verletzen? Das versucht die 11. Große Strafkammer am Landgericht Darmstadt seit dem 3. Mai herauszufinden. Das Schwurgericht hofft, am 25. Mai einen Schlussstrich unter den Prozess ziehen zu können.

Die Staatsanwaltschaft hat den Vorfall an der Bushaltestelle gegenüber einer Tankstelle als versuchten Mord angeklagt. Denn nach Zeugenaussagen war der Angeklagte ungebremst mit rund 40 Kilometern pro Stunde auf das mit einem Freund in der Haltestelle sitzende Opfer losgerast.

Was danach in der Haltestelle geschah, wurde nicht klar, bis am zweiten Verhandlungstag ein Sachverständiger das "Unfallgeschehen" rekonstruierte. Diplom-Ingenieur Thomas Reichert, anerkannter Unfallanalytiker, zeigte anhand von Videos und Bildern eine genaue Rekonstruktion der Vorfälle. Danach war der Angeklagte ohne zu bremsen auf den 24-Jährigen losgefahren, hatte ihm Schien- und Wadenbein zertrümmert.

Was danach passierte, schilderten Zeugen, die meisten aus der Familie des Opfers, unterschiedlich. Demnach soll der 32-Jährige aus seinem alten Opel gesprungen sein, sein Opfer mit den Worten "Ich bringe dich um" bedroht und das weitere Geschehen mit dem Handy gefilmt haben. Angeblich sind die Filme noch immer in Youtube zu besichtigen. Vor Gericht wurden sie nicht gezeigt.

Angeklagter erzählt aus seinem Leben

Den Zeugenaussagen nach begann direkt nach dem Crash in der Haltestelle eine wilde Prügelei. Sogar der einzige Helfer, der sich um das Opfer gekümmert hat, bekam Schläge ab. Von wem, konnte der 57-Jährige nicht sagen. Es sei aber nicht zu knapp gewesen, meinte der Zeuge. Und er ergänzte: "Ich weiß überhaupt nicht, wo die alle hergekommen sind. Plötzlich waren da Massen von Menschen in einer wilden Schlägerei beteiligt."

Andere Zeugen berichteten vor dem Schwurgericht, sie seien "zufällig" an der Tankstelle gewesen, zum Zigarettenkaufen oder ähnlichen harmlosen Sachen. Ein Zeuge schilderte allerdings, der Vater des Opfers, selbstständiger Bauunternehmer, sei an der Tankstelle gewesen, um seine Arbeiter zu bezahlen, die dort ihren Lohn "auf Kralle" erwarteten. Der Vater bestritt dies.

Polizeibeamte, die zum Geschehen kamen, bestätigten, dass sich dort "mindestens 30 Leute wild geschlagen haben". Es habe Mühe gekostet, sich die Übersicht zu verschaffen und erst einmal Ordnung in das Getümmel zu bringen.

Entgegen dem Rat seiner Anwälte, die ihn immer wieder zu stoppen versuchten, entschloss sich der Angeklagte schließlich, doch Angaben zu seinem Leben zu machen. Was Vorsitzender Richter Volker Wagner als einen wichtigen, nützlichen Schritt bezeichnete, damit sich die Kammer ein zutreffendes Bild von dem 32-Jährigen machen könne. Unterstützt wurde er dabei vom psychiatrischen Sachverständigen Peter Haag. Der bescheinigte dem Angeklagten völlige geistige Gesundheit, sogar sehr hohe Intelligenz, und bezeichnete den Vorfall gegenüber der Tankstelle als unverständlich.

Das unterstrich der Angeklagte selbst auch. Er berichtete, mit sieben Kindern in einer heilen Familie aufgewachsen zu sein. Sein Vater habe einen Gemüsemarkt betrieben, bevor man von der Heimat in Afghanistan in den Iran fliehen musste.

Obwohl im Iran wegen der Herkunft und der muslimischen, von der iranischen Variante des Islams abweichenden Religion diskreditiert, habe er das Abitur ablegen und studieren können. Allerdings habe er in seinem gewählten Fach, Politikwissenschaften, sehr schnell Probleme bekommen. Weniger wegen des Studiums, vielmehr wegen seiner journalistischen Tätigkeit.

Urteil steht bevor

Weil er, so der 32-Jährige, die Missachtung von Frauen im Islam iranischer Prägung kritisiert habe, sei er den Mullahs aufgefallen. Man habe begonnen, ihn und seine Familie zu bedrohen, wenn er nicht anerkenne, dass Frauen nur geringerwertig als Männer seien. Er habe vor allem das Erbrecht gegeißelt, nach dem Mütter oder Töchter nur Anspruch auf einen geringeren Erbteil als Söhne hätten.

Als die Situation eskalierte, entschloss sich die neunköpfige Familie zur Flucht nach Deutschland. Hier habe er sofort die ihm fremde Sprache erlernt, um in Rüsselsheim an der Hochschule ein technisches Studium beginnen zu können. Was ihm auch gelang. Als "eine beachtliche Leistung" bezeichnete dies Gutachter Peter Haag.

Gleichzeitig kümmerte sich der Angeklagte, so seine Angaben, um seine später an Krebs gestorbene Schwester, einen kleinen Bruder, der unter einer körperlichen Behinderung leide, und arbeitete in Vollzeit als Auslieferungsfahrer für Lebensmittel.

Worauf er nicht eingehen wollte, war das Verhalten der jüngeren Schwester. Bereits 15-jährig war sie mit dem jetzt 24-jährigen Opfer der Auto-Attacke nach Paris durchgebrannt. Zum Streit soll es, so Zeugen, zwischen Opfer und Täter am Tag des Geschehens gekommen sein, weil der 24-Jährige die Angebetete (19) nicht in Ruhe lassen wollte.

Die Schwurgerichtskammer hat für den 25. Mai die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung vorgesehen. Des engen Terminplans wegen soll am gleichen Tag nach Möglichkeit noch das Urteil gesprochen werden. Walter Scheele

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