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Ab September sollen bis zu 68 Flüchtlinge in elf Wohneinheiten in dem neuen Gebäude Am Weinfaß in Bauschheim untergebracht werden. Derzeit wird am Innenausbau gearbeitet.

Flüchtlinge

„Verlässliche Zahlen gibt es nicht“

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Derzeit rechnet die Stadt Rüsselsheim damit, in diesem Jahr rund 500 Flüchtlinge in die Stadtgesellschaft integrieren zu müssen. Im Sozialdezernat wird sich aber schon jetzt auf weiter steigende Zahlen eingestellt und an weitere Flüchtlingsunterkünfte gedacht.

Der nicht enden wollende Strom von Flüchtlingen aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt stellt die Kommunen bundesweit vor logistische, ethische und humanitäre Herausforderungen. Allein in den Kreis Groß Gerau kommen nach den aktuellen Prognosen in diesem Jahr rund 1900 Geflüchtete, 26 Prozent davon – also knapp 500, werden vom Kreis weitergeschickt nach Rüsselsheim. Endgültig ist diese Zahl aber nicht, immerhin wurden in diesem Jahr bereits mehrfach die Prognosen angehoben.

„Verlässliche Zahlen gibt es nicht“, weiß auch Sozialdezernent und Bürgermeister Dennis Grieser (Grüne). Deshalb müsse Rüsselsheim vorsorgen und sich mittelfristig auf noch höhere Zahlen einstellen. Derzeit arbeitet die Stadt konkret an fünf neuen Wohneinrichtungen für Flüchtlinge (wir berichteten), zwei weitere sind aber bereits angedacht. 476 Plätze sind derzeit sicher. Mit dem Bau der Häuser wurde die städtische Gewobau beauftragt. „Aber auch da sind die personellen Ressourcen begrenzt, immerhin reden wir hier von einem Bauvolumen von über 15 Millionen Euro“, sagt Grieser.

Und das Ende der Fahnenstange sei damit noch nicht erreicht. „Es ist durchaus möglich, dass wir auch zeitnah über die Häuser acht, neun und zehn reden müssen.“ Derzeit prüfe die Stadt, ob einige ihrer Liegenschaften weitere Möglichkeiten bieten könnten. „Da sind wir aber noch in den Überlegungen, wollen auch erst mit den Anwohnern sprechen, bevor wir da öffentlich konkret werden“, sagt Grieser.

Nutzlos werden sollen die einmal gebauten Unterkünfte übrigens nicht, sobald der Flüchtlingsstrom doch abebbt. Die Häuser haben eine Lebensdauer von rund 45 Jahren und können irgendwann auch als Sozialwohnungen vermietet werden.

Zudem sucht die Stadt private Eigentümer, die Wohnungen oder Häuser zur Verfügung stellen. „Da haben sich auch schon etliche Menschen gemeldet. Dass das so schnell geht, hat mich auch überrascht“, sagt Brigitte Herrberger, welche die Flüchtlingshilfe in Rüsselsheim koordiniert.

Der Möglichkeit, Menschen in einzelnen Wohnhäusern oder Wohnungen unterbringen zu können, kommt eine große Bedeutung zu. „Wir wollen keine Massenunterkünfte schaffen. Eine dezentrale Unterbringung ist für alle Beteiligten, die Nachbarn und auch die Flüchtlinge selbst das Beste“, ist sich Grieser sicher. Unter dieser Maßgabe werden auch die Unterkünfte geplant, welche die Stadt selbst baut. So soll die Integration erleichtert und Konflikte vermieden werden. „Je größer eine Einrichtung wird, umso problematischer wird auch das Zusammenleben.“

Die baulichen Voraussetzungen zu schaffen, um den Flüchtlingen den Start in ein neues Leben zu ermöglichen, ist nur ein Teil der Aufgabe, welche die Stadt zu schultern hat. Der zweite besteht darin, die Bedingungen so zu gestalten, dass ein gelingender Neuanfang möglich wird – und darin, die vielbeschworene Willkommenskultur zu fördern. Sozialdezernent Grieser und Netzwerkerin Herrberger sehen Rüsselsheim diesbezüglich auf einem guten Weg.

Bei Herrberger laufen viele Fäden aus unterschiedlichen Richtungen zusammen, sie hat einen guten Überblick darüber, welche Hilfsangebote es gibt und was noch benötigt wird.

In den vergangenen Wochen und Monaten seien bereits zahlreiche Hilfsangebote und Spenden zusammengetragen worden, berichtet Herrberger. Eine ältere Dame habe sich etwa angeboten, regelmäßig in einer der neuen Einrichtungen vorbeizuschauen und Spielenachmittage für Kinder anzubieten. Ein anderer Helfer habe sich angeboten, den Neuanfang einzelner Flüchtlinge zu begleiten, bei Behördengängen zu helfen und die Strukturen der Stadt und der Stadtteile zu erklären. Ein Rüsselsheimer Handwerksbetrieb wollte Arbeitsangebote für die Flüchtlinge auf die Beine stellen. Dies allerdings sei bislang von den bürokratischen Strukturen verhindert worden.

Nach einem ersten Runden Tisch zum Flüchtlingsstrom in Bauschheim sei die Zahl der Hilfsangebote rasant angestiegen, berichtet Herrberger. Neben den zahlreichen konkreten Angeboten zur Mithilfe gehen auch viele Sachspenden bei der Stadt ein. „Wir haben inzwischen einen Lagerraum von der Stadt , der groß genug ist.“ Angenommen werden etwa Geschirr und Spielzeug für Kinder – eigentlich fast alles, was zu der Erstausstattung für eine neue Wohnung eben gehört. „Möbel sind ein bisschen problematisch. Wir haben einfach nicht die Kapazität, die Sachen bei den Menschen zu Hause abzuholen.“

Besonders dankbar sei sie derzeit über jedes angebotene Fahrrad in verkehrstüchtigem Zustand. „Den Menschen eine gewisse Mobilität zu ermöglichen, ist ganz wichtig.“ Ein Radkurs für Kinder sei in Planung, eine Ausweitung des Angebots für Frauen oder Jugendliche möglich. „Mittelfristig wollen wir eine Fahrradwerkstatt aufbauen“, sagt Herrberger. Hilfe zur Selbsthilfe, praktisch gelebt.

Und auch Initiativen, Vereine, Schulen und andere Organisationen bringen sich ein, wollen helfen. Gemeinsam mit der Volkshochschule wird etwa eine Reihe von Seminaren für ehrenamtliche Helfer auf die Beine gestellt, in welchen den Freiwilligen das Rüstzeug für ihre tägliche Arbeit vermittelt werden soll. „Interkulturelle Kompetenz“ war das Thema des ersten Treffens. Der Lionsclub Cosmopolitan Rüsselsheim unterstützt für ein Jahr den Lernklub in der VHS und hat zudem die Sammlung von Kinderbüchern und Spielzeug in Kooperation mit der Buchhandlung „Kapitel 43“ organisiert.

Eitel Sonnenschein ist allerdings trotz der offenbar großen Hilfsbereitschaft weiter Teile der Rüsselsheimer Bevölkerung nicht. Ein wichtiger Faktor ist für Herrberger die Integration von Kindern aus Flüchtlingsfamilien in den Schulalltag. „Wir brauchen aus meiner Sicht noch mehr Integrationsklassen“, sagt sie. Dennis Grieser kann da nur nicken. „Das Problem ist, dass die Schulen ihren Ressourcenbedarf vor Beginn des Schuljahres anmelden müssen. Und da die Zahlen, auf denen diese Anmeldungen basieren, nicht verlässlich sind, passen die Klassenzahlen dann eben auch nicht“, erklärt er. Der Teufel steckt also in den bürokratischen Details.

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