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Berufsberater Reinhold Zühlke verschließt die Tür seines Büros, er geht nach 39 Jahren in den Ruhestand.

Reinhold Zühlke: "Ich habe Generationen beraten"

Er hat vier Jahrzehnte lang Schülern den richtigen Weg in den Job gezeigt

Ein alter Hase der Berufsberatung geht in den Ruhestand. Reinhold Zühlke begleitete mehr als 39 Jahre Schüler, Jugendliche und junge Erwachsene auf ihrem Weg in die Arbeitswelt.

Sein Büro hat Reinhold Zühlke bereits um einige Dinge erleichtert. Die magnetische Pinnwand hängt nur noch im jungfräulichen Weiß an der Wand. Der 65-Jährige sitzt entspannt auf seinem Schreibtischstuhl. Am gestrigen Freitag, 28. April, hatte der Berufsberater für Jugendliche, Schüler und junge Erwachsene seinen letzten Arbeitstag im Büro der Agentur für Arbeit im Eichsfeld.

Das erste, was er in dem Gespräch loswerden möchte, ist seine Abschiedsparty. 140 Gäste verabschiedeten ihn am Freitag in den wohlverdienten Ruhestand. Darunter befanden sich ganz viele Netzwerkpartner, freut sich Zühlke.

39 Jahre stand er im Dienst der Agentur für Arbeit. Als er anfing, nannte sich die Behörde noch Arbeitsamt, erinnert er sich lachend. Er selbst war übrigens über eine „gute Studienberaterin“ in den Job gekommen, erzählt der zukünftige Rentner.

Nach seiner Ausbildung als Modellbauer studierte er nach der Beratung Berufspädagogik im Rahmen eines verwaltungswissenschaftlichen Studiums an der Hochschule der Bundesanstalt für Arbeit in Mannheim. Beim Arbeitsamt blieb er nach dem dualen Studium dann gerne hängen, weil ihm nicht nur die Arbeit mit den Jugendlichen gefallen hatte, sondern er sich auch bereits ein Netzwerk aufgebaut hatte.

39 Jahre wies Zühlke an der Integrierten Gesamtschule Kelsterbach, an der Anne-Frank-Schule Raunheim, an der Gerhart-Hauptmann-Schule in Königstädten sowie an der Parkschule und der Werner-Heisenberg-Schule in Rüsselsheim den Schülern den Weg in die Berufswelt. „Ich habe Generationen beraten“, stellt er fest. Noch heute trifft er Erwachsene, denen er vor vielen Jahren Ratschläge und Tipps für die Wahl eines Ausbildungsplatzes gab. Reinhold Zühlke hat während seiner Dienstzeit etwa 18 000 Schüler, Jugendliche und junge Erwachsene beraten. Er arbeitete mit 14 Schulleitern und etwa 300 Lehrern zusammen.

„Den Job habe ich mit Herzblut gemacht“, bricht sich ein wenig Wehmut Bahn. Dabei war er aber auch konsequent und nicht ohne Strenge. „Ich habe den Schülern etwas abverlangt, bei mir gab es kein Konsumverhalten“, erläutert Zühlke seine Methode.

Hausaufgaben waren ihm wichtig. Die Ausbildungsplatzsuchenden mussten auf der Homepage der Agentur für Arbeit die Inhalte von Berufen herausfiltern und sich Filme anschauen. Wer beim Folgetermin nichts vorlegen konnte, durfte mit einem neuen Termin in der Tasche gleich wieder abdampfen und musste erst die Arbeitsaufträge erledigen.

Die Freizeitbeschäftigung der Jugendlichen hatte für Zühlke ebenfalls Priorität. Sie sollten sich auch mit anderen Dingen als mit dem Computer beschäftigen. „Wer nur chattet, neigt zur Trägheit“, ist er sich sicher. Abgesehen davon wirkten sich sinnvolle Freizeitbeschäftigen positiv auf die Bewerbung aus.

Als Zühlke vor 39 Jahren in den Beruf einstieg, gab es bei der dualen Ausbildung 465 Ausbildungsberufe und lediglich Literatur und verstaubte Filme zur Information. Bis heute wurden zahlreiche Berufsbilder zusammengefasst, es gibt noch 328 Ausbildungsberufe. „Aber auch die beste Information, die man sich denken kann“, unterstreicht der scheidende Berufsberater. Allerdings kapitulierten die Jugendlichen häufig vor der Fülle an Informationen.

Geändert hat sich zudem das Ziel der Schüler. Anfang der 1980er Jahre wollten nur 35 Prozent der Schüler nach der neunten und zehnten Klasse weiter zur Schule gehen. Heute sind es 70 Prozent. „Wir sind zum Schullaufbahnberater geworden“, meint Zühlke deshalb.

Dabei weist er darauf hin, dass das Einkommen des Hochschulabsolventen nicht zwingend höher als das des Realschülers mit einer Berufsausbildung ist. Zumal sich inzwischen nach einer Ausbildung und einem Abschluss mit der Note 2,5 oder besser die Türen für Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor und Master geöffnet haben.

Zühlke hält aber auch nicht damit hinter dem Berg, dass die Anforderungen für einen Ausbildungsberuf gestiegen sind. Ausbildungsberufe in der Internetbranche seien beispielsweise mit einem durchschnittlichen Realschulabschluss kaum erreichbar. In der Solar- und Klimatechnik haben Bewerber mit einem schwachen Hauptschulabschluss keine Chancen.

Zühlke möchte seine Kompetenzen auch nach seinem Einstieg in die Rente einsetzen. Über Details möchte er aber noch nicht sprechen. Jetzt geht er erst einmal auf Reisen, beschäftigt sich in seinem Garten und trifft sich mit Freunden.

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