Fehler gefunden: IHK-Berater Florian Best, Firmenchef Marcus Jordan, Azubi Micheal Saliba und Ausbilder Sebastian Keisner (von links) prüfen Teile eines defekten Steuergerätes für den Brandschutz. FOTO: Walter Scheele
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Fehler gefunden: IHK-Berater Florian Best, Firmenchef Marcus Jordan, Azubi Micheal Saliba und Ausbilder Sebastian Keisner (von links) prüfen Teile eines defekten Steuergerätes für den Brandschutz.

Beruf

Vom Flüchtling zur begehrten Fachkraft

  • VonWalter Scheele
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Micheal Saliba absolviert im Brandschutz eine hochspezielle Ausbildung.

Rüsselsheim -Der steile Aufstieg eines Jungunternehmers mit einer brillanten Geschäftsidee wird nicht nur aus Garagen im kalifornischen Silicon Valley berichtet. Sondern auch aus "Mamas Wohnzimmer" in Rüsselsheim. Dort war nämlich 1992 der Gründungsort von Brandschutztechnik Jordan - einem inzwischen europaweit bekannten Spezialunternehmen, mit dem Marcus Jordan und seine 15 Mitarbeiter vielerorts für sichere Rettungswege in Gebäuden sorgen. Egal ob in der Gartenhütte im Kleingarten oder im Frankfurter Wolkenkratzer.

Aber nicht nur das. Neben Rauchschutzanlagen (RDA) stehen Feuerlöschgeräte, Brandabschottung sowie Brandmelde- und Sprinkleranlagen als Schwerpunkte im Angebot des Unternehmens. Die Firma residiert inzwischen in einer unauffälligen Doppelhaushälfte in der Hans-Sachs-Straße in der Opelstadt. Nur ein unscheinbares Firmenschild weist in dem Gewerbemischgebiet auf das Unternehmen hin.

"Im Moment buddeln wir hier alles um", erzählt Marcus Jordan. "Wir müssen den Bürgersteig und die Zufahrt für Schwertransporte tauglich machen. Die Schaltschränke, mit denen wir hier arbeiten, können ganz schön schwer sein." Dann kommt er gleich auf den Punkt, was seinem Unternehmen die größten Schwierigkeiten macht: "Wir bekommen keine Mitarbeiter. Was wir machen, kann man nirgendwo lernen."

Der Ausbilder im Betrieb, er 35-jährige Sebastian Keisner, ergänzt: "Wir müssen, wenn wir Rauchschutzanlagen, zum Beispiel für die Hochhäuser der Banken in Frankfurt, beschalten, unsere Leute auf die spezielle Aufgabe schulen. Das passiert in Seminaren bei den Herstellern."

Was die Firma wie macht, ist für den Laien nur schwer verständlich. Marcus Jordan gibt sich Mühe, es kurz und prägnant zu erläutern. Wenn ein Bauherr oder Bauunternehmer zu ihm kommen, nimmt er genau auf, was wo und wie gebaut wird. Dann beschäftigen sich von ihm beauftragte Experten mit den Anforderungen des Brandschutzes. Darauf spezialisierte Firmen planen und übernehmen danach den Bau der Anlagen und die Kabelführungen in den Gebäuden.

"Unsere Arbeit beginnt dann, wenn die Anlagen geschaltet werden müssen. Wir wühlen hauptsächlich in hunderten von Schaltschränken herum, verdrahten und messen alles so ein, dass die Anlagen im Ernstfall störungsfrei funktionieren", so Jordan.

"Retten im Ernstfall Leben"

Steckt zum Beispiel in einem Büro im Hochhaus zur Weihnachtszeit eine auf gemütliche Stimmung gepolte Sekretärin eine Kerze an, schaltet sich mit warnendem Lärm ein Temperaturmelder ein. Sofort wird Alarm für den ganzen Bereich ausgelöst, Fluchtwege werden zur Benutzung gesichert, Aufzüge für die Feuerwehr und für Behinderte freigeschaltet.

Das besondere an der Arbeit von Marcus Jordan und seinen Leuten ist der Einbau von RDA-Anlagen. Mit für den Laien undurchschaubaren Schaltungen wird per elektrisch-pneumatischer Steuerung sofort im Ernstfall entstehendes Rauchgas aus den Fluchtwegen abgesaugt und mit Druck frische Luft in die Fluchttreppenhäuser oder Aufzugsschächte gepumpt.

"So bleiben die Fluchtwege sicher", erklärt Sebastian Keisner. "Unsere Anlagen retten im Ernstfall Leben", ergänzt sein Chef. "Was wir beim und mit dem Beschalten der Steuerschränke machen, ist kein Lehrberuf." Die beiden Männer arbeiten schon Jahre zusammen, betonen gleichermaßen die hohe Verantwortung ihrer Mitarbeiter für Menschenleben: "Auf unsere Anlagen, unsere Zuverlässigkeit kommt es an", sind sich beide einig.

In diesem Jahr wurde ein Elektrohelfer gesucht. Von der Agentur für Arbeit war kein geeigneter Kandidat zu bekommen. Jene, die kamen, waren so schnell wieder weg, wie sie angetreten waren. Dann kam der Zufall Unternehmer Marcus Jordan in Gestalt des 32-jährigen Syrers Micheal Saliba zu Hilfe.

Der sechs Jahre zuvor aus Syrien als Flüchtling gekommene subsidiär Schutzberechtigte interessierte sich für den Job. "Dann hat der sich der-maßen gut angestellt, dass wir uns sofort entschlossen haben: Den behalten wir. Der soll eine Ausbildung machen", erzählt Jordan.

Doch bis der perfekt Deutsch sprechende Mann am 1. September seine Ausbildung als Industrieelektriker antreten konnte, mussten Firma ebenso wie Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt heftige Gefechte mit der Bürokratie durchstehen. Florian Best (36), Ausbildungsberater für gewerblich-technische Berufe bei der IHK, arbeitete mit Marcus Jordan einen viele Seiten dicken Katalog an Vorschriften und Fördermöglichkeiten ab.

Schnell stellte sich heraus, dass die Firma Jordan nicht alle geforderten Bedingungen für die Ausbildung zum Industrieelektriker erfüllt. Best fand die Lösung zusammen mit dem Hessischen Wirtschaftsministerium. Hier gibt es ein Förderprogramm für die Verbundausbildung von Azubis. Dabei können Firmen, aber auch die Bildungszentren der IHK in Heppenheim und Erbach, zusammenarbeiten. Die Azubis verbringen einen großen Teil, en bloc bis zu einem halben Jahr, in den Zentren der IHK oder einem anderen Betrieb. Dabei wird ein Teil der Kos-ten für die Abwesenheit aus dem eigentlichen Ausbildungsbetrieb vom Land übernommen.

Ein besonderes Händchen

Jordan ist voll des Lobes für diese Möglichkeit. "Darüber sollten sich gerade kleine Betriebe schlau machen. Am besten bei der IHK anrufen und einen Berater in den Betrieb kommen lassen", rät er. Der 32-jährige erste Azubi der Fachrichtung Industrieelektriker bei Brandschutztechnik Jordan ist über seinen Ausbildungsplatz überglücklich. "Ich habe hier einen Neuanfang nach dem Leid in Syrien", sagt er ohne Überschwänglichkeit. "Mir ist es zuerst schwergefallen, mit den vielen Fachausdrücken klarzukommen. Aber alle Kollegen helfen mir, wo sie nur können", ist er stolz.

Wie sehr Micheal Salibas Erfolg der Firma und seinen Kollegen am Herzen liegt, zeigt sich bei seinem derzeit täglichen Besuch im Bildungszentrum der IHK in Heppenheim: "Meine Kollegen wundern sich, dass ich im Firmenwagen kommen darf, während sie per Bus und Bahn oder Fahrrad eintrudeln." Marcus Jordan grinst: "So kommt er pünktlich da hin. Er hat jeden Tag 120 Kilometer Anfahrt. Da muss ich doch was machen."

Der Firmenchef hat noch mehr gemacht. Als alle Vorschriften erfüllt schienen, gab es noch ein Problem, fand Roland Lang im Büro heraus: "Wir hatten keinen Ausbilder für Industrieelektriker." Der ist aber vorgeschrieben und muss vor Einstellung des Azubis im Betrieb bereits tätig sein.

Die Lösung war typisch für den 55-jährigen Chef. Er schickte kurzerhand seinen langjährigen Industrieelektriker Sebastian Keisner für 14 Tage in den Blockunterricht bei der IHK. "Und so hatten wir mit einem Schlag gleichzeitig einen Azubi und den nötigen Ausbilder", erklärt Marcus Jordan.

Azubi wie Ausbilder macht die Zusammenarbeit viel Spaß. Sebastian Keisner meint, sein Azubi habe ein besonderes Händchen für die Feinarbeit in den Schaltschränken, die mal riesengroß und ein andermal winzig klein sind. Er nimmt jede Gelegenheit wahr, mit seinem Azubi zu üben: Fehler zu suchen und die zu beheben. "Wir haben eine große Umstellung mitgemacht,", erklärt der Experte bei einem Test mit seinem Azubi. "Früher lief alles mit Relais und Motoren. Jetzt haben wir elektrisch-pneumatische Motorensteuerungen. Was früher der Schraubenzieher war, ist heute das Laptop."

Micheal Saliba hat in Rüsselsheim ein festes Ziel vor Augen - eigentlich sind es zwei: Er will "auf jeden Fall" in der Firma bleiben. Und sich nach der Gesellenprüfung weiterbilden. "Das werden noch einmal eineinhalb Jahre Ausbildung zum Elektroniker im Bereich Betriebstechnik. Dann bin ich richtig fit." Walter Scheele

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