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Die Brasilianerin Liz Meneghello de Abreu fühlt sich im Trainingsanzug und auf der Anlage des RRK pudelwohl. FOTO: RKO

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Von Rio nach Rüsselsheim

Südamerikanisches Flair im Hockeysport: Die Brasilianerin Liz Meneghello de Abreu ist die erste weibliche Trainerin der 1. Herrenmannschaft des RRK

Rüsselsheim -Wer an Brasilien denkt, dem kommen schnell Copacabana, Samba, der Karneval und freilich Fußball in den Sinn. Aber Hockey? Brasilien taucht mit Feldhockey in der Weltrangliste nur unter "Ferner liefen" auf. Wer derzeit über das Hockey des Rüsselsheimer Ruder-Klubs spricht, kommt indessen nicht daran vorbei, auch an Brasilien zu denken. Denn die neue Trainerin der 1. Herrenmannschaft kommt aus dem Land des Zuckerhuts. Nicht nur das Herkunftsland ist ein Novum, sondern auch, dass eine Frau die Herrenmannschaft trainiert.

Liz Meneghello de Abreu heißt die 33-jährige sympathische Frau mit den pechschwarzen langen Haaren; der Trainingsanzug des RRK steht ihr gut. Eigentlich ist es nicht üblich, dass Frauen Herrenmannschaften trainieren. Das weiß sie auch, schaut aber bei der Frage dennoch ein wenig irritiert drein. "Das Training ist keine Frage des Geschlechts, sondern des Charakters und der Persönlichkeit", versichert sie. Sie habe klare Regeln und sei gut organisiert. Sie sei eine ehrliche Trainerin, lobe und kritisiere.Derzeit nimmt Meneghello de Abreu jeden Werktag an einem dreistündigen Online-Sprachunterricht teil. Deutsch sei eine schwere Sprache, stellt sie mit einem fröhlichen Lachen fest. Am deutschen Brot hat sie dagegen erst einmal deutlich mehr Geschmack gefunden.d

Meneghello befand sich bereits im vergangenen Jahr für einen kleinen Abstecher beim RRK und unterstützte sechs Wochen die erste Damenmannschaft. Sie wollte den damaligen Co-Trainer der ersten Herrenmannschaft, den Engländer Amarjeet Soar, besuchen, den sie bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro kennengelernt hatte.

Internationale Erfahrung

Vor ihrem Besuch hatte sie anderthalb Jahre in Sydney/Australien beim Spitzenclub Ryde Hunters Hill District Hockey Club als Athletik- und Video-Trainer gearbeitet. Sie wollte das Hockey in Europa, in Deutschland kennenlernen. Beim Abholen vom Flughafen und einem Getränk mit dem Leiter der männlichen Jugend, Dennis Schwarz, kam der Gedanke auf, sie könne doch mal beim RRK reinschnuppern. Der Verein und Meneghello einigten sich daraufhin auf eine Zusammenarbeit ab dem Jahr 2020. Dies auch, weil Spielerinnen, Spieler, Trainerkollegen und Vorstand von ihren Qualitäten überzeugt gewesen seien.

Nachdem einige bürokratische Hürden überwunden waren, begann sie im Frühjahr ihre Arbeit im Trainerstab. Weil Soar, inzwischen Cheftrainer, wegen Corona vorzeitig nach England zurückkehrte, übernahm sie die 1. Herrenmannschaft. Meneghello de Abreu kam erst als 18-jährige junge Frau zu dem Hockeysport. Sie war damals Leichtathletin. Der Fitnesstrainer der Hockeynationalmannschaft war ihr Leichtathletiktrainer. Sie sei schnell, sie solle es doch mal mit Hockey probieren, habe er vorgeschlagen.

Darin sah sie Möglichkeit, ihr Land zu repräsentieren, sagt sie. Schon nach einigen Monaten stand sie im Nationalaufgebot. Das sei in Brasilien nicht so schwer, es gebe nur 20 Clubs, sagt sie bescheiden. Brasilien habe keine große Hockeytradition, wie beispielsweise Argentinien durch die frühere spanische Kolonialherrschaft. Ob Ausrüstung oder Platzqualität, der Hockeysport werde in Brasilien nicht gefördert. Sie ist denn auch ganz begeistert von der Anlage des RRK.

Ausgebildete Rettungssanitäterin

Nicht zuletzt wegen der mangelnden Infrastruktur verließ sie Brasilien in Richtung Argentinien, spielte dort Hockey und absolvierte eine dreijährige Ausbildung als Rettungssanitäterin. Weitere Schritte führten sie in die USA, dann nach Australien. Dort fing die studierte Sportwissenschaftlerin als Trainerin an.

Jetzt ist in Deutschland wegen Corona erst einmal die Zwangspause angesagt, was Meneghello bedauert, denn sie hätte jetzt gerne die Hallensaison kennengelernt. "Aber das ist auch nicht das Ende der Welt", sagt sie. Den Kopf will sie jedenfalls nicht in den Sand stecken. In die Feldsaison startete sie in der zweiten Regionalliga zum Abschluss der Hinserie mit zwei Siegen erfolgreich.

In Rüsselsheim fühlt sie sich bereits wohl und sicher, sagt sie. Sie mag kleine Städte. Der Club habe sie sehr freundlich aufgenommen, es herrsche eine sehr familiäre Atmosphäre. Von Rüdiger Koslowski

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