Beschäftigte fordern 36.000 Euro

Wanderarbeiter beim Bau von städtischer Kita um ihren Lohn geprellt?

Die neue U3-Kita in Bauschheim ist fast fertig. Während des Baus sollen rumänische Arbeiter dort um ihren Lohn betrogen worden sein.

Draußen regnet es in Strömen, drinnen verlegen die Elektriker gerade die letzten Kabel. „Bis Weihnachten sind wir fertig, wahrscheinlich sogar etwas eher“, erzählt einer von ihnen am Mittwoch.

Das Gebäude Am Weinfass in Bauschheim soll bald eine städtische U3-Kita mit 48 Betreuungsplätzen beherbergen. Das Zeitplan ist knapp. Denn bis Ende des Jahres muss die Kita fertiggestellt werden, sonst gibt es keine Förderung. Und die beträgt immerhin 640 000 Euro. Das Gesamtprojekt kostet die Stadt, die den Bau in Auftrag gegeben hat, rund 3,6 Millionen Euro.

Um nur ein Hundertstel davon geht es bei einem Lohn-streit, der zum Teil in Bauschheim spielt. Doch die Betroffenen haben das Geld umso nötiger, unterstützen sie damit doch ihre Familien in der Heimat. Ein Dutzend rumänischer Wanderarbeiter klagt darüber, dass ihnen von April bis Juni kein Lohn gezahlt worden sei. Eingesetzt wurden sie in dieser Zeit unter anderem für den Bau der Kita in Bauschheim. Und zwar von einer Firma namens Nicevic.

Nur Bruchteil gezahlt

Diese wiederum fungierte als Subunternehmer des Offenbacher Bauunternehmens F.W. Müller. Deren Werbebanner ziert zwar noch die Bauzäune vor der Kita, doch dem Elektriker zufolge hat die Firma ihre Arbeiten dort schon vor ungefähr drei Wochen abgeschlossen.

Von den Männern der Firma Nicevic habe fast jeder rund 220 Stunden monatlich im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet, sagt Michael Baumgarten vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen. Das entspreche gut 3290 Euro brutto. Nur ein Bruchteil sei jedoch von der Firma gezahlt worden.

Informationen über den Subunternehmer sind rar gesät. Kontaktdaten gibt es im Internet jedenfalls keine. Im Online-Handelsregister verrät die Bezeichnung „gradbenistvo in trgovina“, slowenisch für Bau und Handel, allerdings die Herkunft der Firma. Geschäftsführer ist demnach ein gewisser Mersad Nicevic, der das Unternehmen am 24. November 2016 beim Amtsgericht Offenbach registrierte.

Schlechte Aussichten

Johannes Schader, Gewerkschaftssekretär der IG Bau, zufolge stehen die Chancen schlecht, dass die Arbeiter ihr Geld bekommen. Einige seien daher wieder in ihre rumänische Heimat gereist. Schader sieht neben ihrem direkten Arbeitgeber sowohl die Firma Müller als auch die Stadt Rüsselsheim in der Verantwortung. Erstere sei als Generalunternehmer ohnehin haftbar. Laut Michael Baumgarten bestreiten die Offenbacher allerdings Generalunternehmer zu sein. Eine Anfrage dieser Zeitung ließ das Unternehmen unbeantwortet. Das gleiche gilt für die Rüsselsheimer Stadtverwaltung.

Zu Wort meldet sich dafür die Rüsselsheimer Linke /Liste Solidarität. „Wir erwarten, dass die Löhne gezahlt werden und dass der Magistrat alle Maßnahmen ergreift, dies zu gewährleisten. Und wir erwarten, dass angesichts der gezeigten sozialen Verantwortungslosigkeit die Firma F.W. Müller für längere Zeit von Vergaben der Stadt Rüsselsheim ausgeschlossen wird“, äußert sich Heinz-Jürgen Krug, Stadtverordneter der Linken. Dies solle auch eine warnende Wirkung auf andere Baufirmen haben.

Gewerkschaftssekretär Schader zufolge will die IG Bau in nächster Zeit darauf hinwirken, dass nicht nur die Generalunternehmer, sondern auch die Auftraggeber haftbar werden. „Es kann doch nicht sein, dass es auf deutschem Boden zu solchen Ausbeutungsfällen kommt“, sagt er.

In den vergangenen Monaten ist es gerade im Rhein-Main-Gebiet immer wieder zu ähnlichen Vorfällen gekommen: Im Juni protestierten etwa 18 rumänische Bauarbeiter in Neu-Isenburg, die rund 60 000 Euro Lohn für Bauarbeiten am neuen Stadtquartier Birkengewann nicht erhalten hatten. Auch dort ging es um nicht gezahlte Löhne.

„Man muss es ein kriminelles Geschäft nennen“, sagt Schader, „die Firmen hoffen, dass sich die Betroffenen nicht an die Gerichte wenden.“ Schader hofft auf einen Sinneswandel in der öffentlichen Debatte: „Es darf nicht nur geschaut werden, dass billig gebaut wird, sondern dass es gerecht ist“, macht Schader deutlich.

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