Idylle mit Geschichte: Der Verna-Park liegt Christian Bihn am Herzen.
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Idylle mit Geschichte: Der Verna-Park liegt Christian Bihn am Herzen.

Projekt Junge Zeitung

Warum Rüsselsheim gerade bei jungen Menschen Identifikationspunkt sein kann

Der Rüsselsheimer Historiker Christian Bihn über das Potenzial seiner HeimatstadtOpelstadt, Motorcity - Rüsselsheim hat viele Namen, aber treffen sie noch zu? ,Was den Charme der Stadt ausmacht und wie man sie langfristig lebenswerter macht, erklärt der Rüsselsheimer Historiker Christian Bihn im Interview mit Junge-Zeitung-Autor Mohamed Baaqoul.

Herr Bihn, wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Rüsselsheim beschreiben?

Ich bin 1994 im GPR Klinikum in Rüsselsheim geboren worden und habe bis vor kurzem mein Leben lang in der A-Siedlung gewohnt. Meine gesamte Schulzeit habe ich hier verbracht, war auf der Hasengrundschule, habe auf der Immanuel-Kant-Schule Abitur gemacht. Zwar hatte ich in der Jugend die recht klassische Phase "Ich will weg, diese Stadt hat mir nichts zu bieten", aber gegen Ende des Abis habe ich Rüsselsheim wieder für mich entdeckt.

Wie genau kam es dazu?

Während des Endes der Schulzeit habe ich Leute im Jahrgang kennengelernt, die sehr ortsgebunden waren. Auch meine Eltern sind hier verwurzelt, aber den entscheidenden Ausschlag hat die Geschichte gegeben. Ich habe Geschichte in Mainz studiert, mich mit der Stadtgeschichte auseinandergesetzt, angefangen, im Stadt- und Industriemuseum zu arbeiten und die Kinder-Uni mitbetreut. Dadurch ist diese Liebe zur Heimat wiederaufgekommen.

Was genau fasziniert Sie an der Rüsselsheimer Stadtgeschichte?

Die Stadtentwicklung ist besonders aus historischer Sicht spannend. Den Niedergang, den viele bemängeln, kann man dort gut nachempfinden und auch ein Muster erkennen, das sich in vielen Städten abgespielt hat.

Wie genau meinen Sie das?

Rüsselsheim ist eine Industriestadt - das hat die Stadt geprägt. Früher war die Festung neben dem Dorf Rüsselsheim eine Instanz für sich, auch der Verna-Park war für sich identitätsstiftend. Aber die Identifikationsbasis, die bis heute dominant ist, ist Opel. Opel hat zurecht die Stadt geprägt, aber auch eine Abhängigkeit geschaffen: Wenn es Opel schlecht geht, geht es Rüsselsheim schlecht. Das macht es letztlich schwierig und ist eine große Aufgabe für Kulturschaffende und Politik, diese Baustelle Identifikationsfaktor aufzuräumen.

Was ist an Rüsselsheim schön? Wo liegen Potenziale?

Wenn Steffen Jobst von der Stadt als vertaner Chance spricht, hat er damit recht. Wenn ich Rüsselsheim beschreiben würde, würde ich sagen: Es sind Chancen, die nicht genutzt werden, weil die Bedingungen dafür nicht geschaffen sind. Dafür muss man kämpfen. Ich bin wahnsinnig gerne hier, weil es auch mal ruhiger und nicht immer Action ist. Und: Ich persönlich sehe Kultur als große Chance, denn wir werden keine Einkaufsstadt mehr werden. Die kulturelle Vielfalt, die herrscht, muss man aufgreifen.

Wie kann das gehen?

Es gibt junge Kulturschaffende - Künstler, die die Stadt hat, die aber auf Strukturen treffen, die das nicht befördern möchten, weil man die alte Generation bei Laune halten möchte. Hier gibt es noch viel Potenzial. Und auch, die Gemeinschaft zu öffnen, ist wichtig. "Wir und die Anderen" ist leider immer noch ein Problem. Wir haben hier - allein schon aufgrund der Gastarbeiter-Geschichte - eine wahnsinnige Diversität mehrerer Generationen.

Hätten Sie eine konkrete Idee?

Eine Idee wäre zum Beispiel, Gemeinschaft auch in andere Viertel zu transportieren! So etwas wie der Weinstand am Main als vermeintliches Symbol für Gemeinschaft wäre sicher auch im Berliner Viertel machbar, damit alle etwas davon haben. Für uns jüngere Leute wäre das auch selbstverständlich, wird aber oft leider vollkommen ignoriert und weggeschoben.

Aber wie kann das erreicht werden?

Weiter zu versuchen, die Menschen in den Diskurs einzubeziehen, ist wichtig. Die Nörgler, die vor allem oft auf Facebook zu Wort kommen, zu ignorieren, ist der falsche Weg. Sie müssen angesprochen werden. Einander im digitalen Raum zu blockieren, ist keine Lösung, das nimmt die Möglichkeit, Diskurs zu führen

Sie sind in dieser Hinsicht oft mit Gegenwind konfrontiert, im digitalen wie im realen Leben. Trotzdem bleiben Sie immer aktiv in der Diskussion. Wieso tun Sie das?

Natürlich bin ich manchmal selbst am Verzweifeln. Aber in der Hinsicht bin ich stur, da ist die Liebe zur Heimatstadt größer als der Groll gegen manche Personen. Der Stadt den Rücken zu kehren, könnte ich nicht mit mir selbst vereinbaren. Ich könnte es mir nicht verzeihen, dass die Stadt vor die Hunde geht.

Auf den Punkt gebracht: Wo hapert es und was ist zu tun?

Das größte Problem ist, dass man in den Köpfen zu sehr in der Vergangenheit hängt. Das ist die größte Schwäche dieser Stadt. Viele Menschen wollen diese Vergangenheit 1:1 wiederhaben, aber nichts dafür tun. Ich persönlich sehe Kultur als große Chance, denn wir werden keine Einkaufsstadt mehr werden. Die kulturelle Vielfalt, die herrscht, muss man aufgreifen. Es muss einen neuen nachhaltigen Ansatzpunkt geben.

Was haben Sie persönlich in der Hinsicht noch vor?

Ich versuche, kulturell so viel wie möglich zu machen. Für dieses Jahr steht der Kultursommer an, mit dem Freien Kunst- und Kulturverein haben wir für Aktionen, die die ganzen vertanen Chancen aufgreifen, Förderanträge gestellt. Auch die Idee, selbst in die Politik zu gehen, existiert immer noch - vielleicht mit einer Eigeninitiative. So was bräuchte das Stadtparlament: Eine oppositionelle Fraktion, die - vielleicht satirisch - hart ins Gericht geht mit der Situation und keine Politik der Gefälligkeiten macht.

Christian Bihn
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