Auf dem Podium diskutieren Vertreter aus Wirtschaft und Politik.
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Auf dem Podium diskutieren Vertreter aus Wirtschaft und Politik.

Zukunft der Opelstadt

Welches Potential hat der Entwicklungsstandort Rüsselsheim?

Wie steht Rüsselsheim bei der wirtschaftlichen Entwicklung da? Sind die vielfachen politischen Debatten ein Hemmschuh? Darüber tauschten sich jetzt Politiker und Wirtschaftsvertreter aus. In einem waren sich viele sicher: Die Stadt braucht Investitionen.

Opel hat gerade erst 210 Millionen Euro in ein Motorenentwicklungszentrum investiert; Hyundai plant einen Neubau auf einem 25 000 Quadratmeter großen Erweiterungsgrundstück im Blauen See; in der Innenstadt wird die Revitalisierung des Löwencenters mit viel Geld vorangetrieben; auf dem Mainblock entsteht ein neues Vier-Sterne-Hotel; drei Projektentwickler bewerben sich um die Zukunftsgestaltung des ehemaligen Karstadt-Grundstücks. Bei so vielen positiven Nachrichten müsste das Stimmungsbarometer bei Politik und Wirtschaft doch eigentlich kräftig ins Positive ausschlagen, sollte man meinen.

In Sachen Wirtschaftsentwicklung leisten Kelsterbach und Raunheim gute Arbeit, Rüsselsheim hinke jedoch hinterher – so jedenfalls fällt in etwa die grundlegende Analyse der Wirtschaftsvertreter aus, die jüngst zur Podiumsdiskussion mit Politikern in die Stadthalle gekommen waren. Eingeladen hatte der Gewerbeverein unter dem Motto „Investitionsstandort Mainspitze. Rüsselsheim und seine Nachbarn – wohin geht die Reise?“.

Die Bürgermeister von Kelsterbach und Raunheim, Manfred Ockel (SPD) und Thomas Jühe (SPD), sowie Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) diskutierten zusammen mit Dirk Schäfer, Präsident des Gewerbevereins, Thomas Schildge von der Firma E+P Projektmanagement sowie Thomas Hartmann, Treffpunkt Innenstadt und Hakan Inoglu von der Inoglu-Unternehmensgruppe.

Kritik an politischen Debatten

Die Kritik manifestierte sich vor allem an den anhaltenden politischen Debatten in Rüsselsheim. Dirk Schäfer kritisierte, dass Rüsselsheim „schnell dabei ist, sich immer wieder in eine andere Richtung zu orientieren, anstatt die Stadt wirklich voran zu bringen, indem sie konsequent ein Ziel verfolgt. Warum gibt es permanent einen inneren Wettstreit in der Politik der Stadt“, fragte der Präsident des Gewerbevereins. „Das lähmt Rüsselsheim als Wirtschaftsstandort.“ Schäfer machte Thomas Jühe in Bezug auf die Wirtschaftsentwicklung in der Nachbargemeinde ein deutliches Kompliment: „Wir schauen mit Neid nach Raunheim.“ Rüsselsheim müsse dringend ein starker Industriestandort werden, forderte der Präsident des Gewerbevereins.

Vieles werde im Parlament von Rüsselsheim zerredet, viele Ideen würden so bereits im Keim erstickt, pflichtete auch Thomas Hartmann bei. Dies löse Unverständnis in ihm aus, so der Sprecher von Treffpunkt Innenstadt. „Ich wünsche mir mehr Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher Meinungen“, fasste Hartmann seine Vision zusammen. Auch Raunheims Bürgermeister Thomas Jühe enthielt sich nicht eines Kommentars zur Situation im Rüsselsheimer Parlament aus seiner Sicht. „Rüsselsheim hat viel Potenzial. Doch die Hasenfüßigkeit und die politische Destruktion verhindern dessen Entwicklung.“ Ein Projekt wie der Airportgarden in Raunheim wäre in Rüsselsheim nicht möglich gewesen, befand Jühe.

Projektentwickler Thomas Schildge sagte: „Man sollte nicht jedes Projekt zerreden, sonst springen die Investoren ab.“ Denn Rüsselsheim sei eine schöne und lebenswerte Stadt, die jedoch dringend Investoren brauche. Schildge selbst zählt allerdings zu denen, die sich bereits engagieren. Seine Gesellschaft steuert die Entwicklung eines neuen Hotels auf dem Marktplatz, zudem zählt das E+P Projektmanagement zu den Bewerbern um das ehemalige Karstadtgrundstück.

Oberbürgermeister Patrick Burghardt reagierte auf die Worte seiner Kollegen und der Wirtschaftsvertreter. Auch er sieht das Problem in der politischen Landschaft Rüsselsheims. „Wir brauchen in Rüsselsheim dringend Flächen für Gewerbe und Wohnungsbau. Doch aufgrund politischer Entscheidungen und Entwicklungen dauert alles viel zu lange.“

Neben der Kritik an der politischen Situation in Rüsselsheim stand vor allem auch die Interkommunale Zusammenarbeit zwischen Kelsterbach, Raunheim und Rüsselsheim – „Drei gewinnt“ – im Fokus der Diskussion.

Burghardt, Jühe und Ockel waren sich einig, dass „Drei gewinnt“ ein Erfolgsmodell ist, das bundesweite Vorbildfunktion habe und den Kommunen Einsparungen bringe. Und es locke neue Investoren an. Vor allem aus China.

Burghardt wies darauf hin, dass die drei Gemeinden im Bereich der Wirtschaftsförderung bei den China-Aktivitäten völlig neue Wege gingen. Bis Ende 2015 haben sich etwa 25 chinesische Unternehmen unterschiedlichster Größe in „Drei gewinnt“ angesiedelt, darunter der Logistik Dienstleiter 4PX Express oder die Internethandelsunternehmen DTY Permanent und Keepright.

Die Gewerbesteuer, die aus angesiedelten Unternehmen auf dem Gebiet von „Drei gewinnt“ generiert werde, soll zwischen den Kommunen aufgeteilt werden. „Unsere Funktion als Brückenkopf nach China wird zukünftig mehr und mehr von unseren chinesischen Partnern angenommen und genutzt werden“, versprach der Oberbürgermeister.

Nicht alle der anwesenden Wirtschaftsvertreter sahen die Bemühungen der drei Verwaltungschefs um chinesische Firmen derart positiv. „Warum müssen wir nach China, können wir nicht viele Dinge von Rüsselsheim aus steuern“, fragte Hakan Inoglu.

Und auch Thomas Schildge sagte: „Ob wir China brauchen, um in Rüsselsheim weiter zu kommen, steht auf einem anderen Blatt.“

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