Pfarrerin der Luthergemeinde

Weltbürgerin mit festem Glauben

Dorothea Gauland ist Pfarrerin der evangelischen Luthergemeinde in Rüsselsheim. Die 34-Jährige hat schon viel erlebt, unter anderem war sie während eines Spezialvikariats ein Jahr in Kenia.

„Ich bin gern Pfarrerin, weil der Beruf so vielseitig ist, weil man mit Menschen zu tun hat und trotzdem auch geistig arbeitet“, sagt Dorothea Gauland, seit September 2015 „Pfarrerin im Probedienst“ der evangelischen Luthergemeinde in Rüsselsheim. Im evangelischen Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim wurde sie Ende April vom regionalen Kirchenparlament zur stellvertretenden Delegierten in die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gewählt. Zum Kern ihres Glaubens befragt, zitiert die gebürtige Frankfurterin gern die 2003 verstorbene politische Theologin Dorothee Sölle: „Ich glaube an Jesus Christus, der aufsteht in unser Leben, dass wir frei werden von Vorurteilen und Anmaßung, von Angst und Hass [. . .]“. Aber vor allem ein Zitat aus dem Brief des Apostel Paulus im Jahr 56 an die Gemeinde in Korinth ist der Rüsselsheimer Theologin wichtig: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

Im Pfarrhaus der Kirchengemeinde hat die 34-Jährige jede Menge Platz, deshalb teilt sie sich ihren Wohnraum mit einer ausländischen Studentin und einem Asylbewerber. Dorothea Gauland ist eine sympathische, kluge und auslandserfahrene Weltbürgerin. Geschmackvoll, einfach und bunt hat sie sich in ihrem neuen Zuhause eingerichtet. Bunt und multikulturell gestaltet sie auch ihr Leben. Während ihres Theologiestudiums in Heidelberg lebte sie im Wohnheim des Ökumenischen Instituts zusammen mit Studenten aus aller Welt. Sie hat während ihrer Ausbildung zwei Jahre in Rom gelebt. Dort studierte sie am Melanchton Zentrum für ökumenische Studien. Zusätzlich besuchte sie Gastkurse an katholischen Universitäten.

Beim Thema Verfolgung wird Dorothea Gauland hellhörig. Sie beschreibt einen, der beim Schein einer kleinen Lampe, den Kopf in eine Hand gestützt, über einem Blatt Papier nachdenkt, „überzeugt von dem, wofür er eintrat, für einen Frieden, der nicht mit Waffengewalt hergestellt wird, sondern sich an den Menschen orientiert. Für ein Zusammenleben, das anders ist als das Modell, das die Gesellschaft vorgibt. Nicht „mein Haus, mein Gefährt, mein Boot“.

Keine Hierarchien

, keine Statussymbole, sondern gleiche Rechte für alle, egal, woher sie kommen, egal, welche Sprache sie sprechen. Dafür ist er eingetreten. Dafür ist er auf die Straße gegangen. Hat mit den Menschen geredet. Türklinken geputzt. Und geschrieben: Briefe, die überzeugen sollten.“ So hat Dorothea Gauland in der Predigt zu ihrer Ordination im September 2015 den Apostel Paulus beschrieben.

Unter leiser Stimme, nicht vorhandener Größe und (vermeintlich) mangelnder Überzeugungskraft habe er gelitten, als er plötzlich die Hand Jesu auf seiner Schulter spürte. Aus dem zweiten Brief von Paulus an die Korinther, Kapitel 12, Vers 9 des Neuen Testaments hat Gauland darauf die Worte Jesu zitiert: „Deine Krankheit werde ich Dir nicht nehmen. Meine Gnade genügt Dir. Meine Kraft ist in der Schwäche stark!“

Von ihrem Schreibtisch schaut die Gemeindepfarrerin in ihren Garten. Dort darf wachsen, was will. Und sie denkt laut über ihr Leben nach, dass sie sich nie verbogen habe und dass sie ihren Auftrag politisch sehe, so wie zu Lebzeiten die friedensbewegte und provokante Theologin Dorothee Sölle, die an einen Gott glaubte, „der die Welt nicht fertig geschaffen hat, wie ein Ding, das immer so bleiben muss, der nicht nach ewigen Gesetzen regiert, die unabänderlich gelten, nicht nach natürlichen Ordnungen von Armen und Reichen, Sachverständigen und Uninformierten, Herrschenden und Ausgelieferten.“ Sie glaubt an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung aller Zustände durch die Arbeit und Politik der Menschen. „Ich glaube an Jesus Christus, der recht gehabt hat, als er, ein Einzelner, der nichts machen kann, genau wie wir, an der Veränderung aller Zustände arbeitete und darüber zugrunde ging.“

Dorothea Gauland ist angekommen in der evangelischen Luthergemeinde in Rüsselsheim, wo sie, wie schon während ihres Vikariats in Pfungstadt, gern im Team arbeitet, jetzt mit Pfarrerin Hanne Köhler. Die beiden Pfarrerinnen ergänzen sich auch im Alltag, tauschen sich aus, lernen voneinander. Für die gemeindliche Seelsorge in einem Stadtteil, in dem Menschen unterschiedlicher Milieus und Herkunft leben, hilft der Blick auf eigene Auslandserfahrungen. Köhler hat dank eines Stipendiums vom Ökumenischen Rat der Kirchen am Theological Seminary in Dayton, USA, studiert, war Mitarbeiterin und Leiterin des heutigen EKHN-Zentrums Verkündigung in Frankfurt und hat nach fünfjähriger Übersetzungsarbeit 2006 die Bibel in gerechter Sprache mit herausgegeben. Und diese Bibel nimmt auch Dorothea Gauland gern als Vorlage für ihre Predigten zur Hand.

Das Predigen liegt Pfarrerin Dorothea Gauland am Herzen: „Da kann ich Texte so auslegen, dass der Gemeinde die gesellschaftliche Relevanz deutlich wird.“ Als Gauland im September 2015 in Rüsselsheim eintraf, trug sie ihr langes, dunkelblondes Haar in vielen geflochtenen Zöpfen. Sie zeigt ein Foto, mit dem sie sich auch im Gemeindebrief und in der Öffentlichkeit gern präsentiert. Die Zöpfe hatte sie aus Nairobi/Kenia mitgebracht. Dort war sie von 2014 bis September 2015 im Spezialvikariat bei der „All Africa Conference of Churches“, einer Vereinigung afrikanischer Kirchen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde einsetzt. Während dieser Zeit wurde sie auch mit der „harten“ Thematik der Opfer von Menschenhandel konfrontiert. Zusammen leben heißt zuhören und andere Meinungen gelten lassen. Bei all ihren Lebensstationen, auch während ihrer letzten Theologiesemester in Berlin, wo sie auch wieder mit Menschen anderer Kulturen und Religionen zusammen wohnte, sucht Dorothea Gauland ökumenischen Austausch und den Dialog.

Heute ist Dorothea Gauland in Rüsselsheim „total glücklich“. Vor ihrem Bücherregal im Arbeitszimmer steht ihr altes Schaukelpferd. Sie wollte mal Reitlehrerin werden, wäre da nicht „diese tolle Pfarrerin in Frankfurt-Bockenheim gewesen, Heidrun Dörken“. Seit dem Jahr 1996 ist Dörken Rundfunkbeauftragte der EKHN beim Hessischen Rundfunk. Als ihre „Konfirmanden-Pfarrerin“ habe Dörken sie als Teenagerin und Konfirmandin in ihrer Berufswahl entscheidend beeinflusst, denn bei ihr habe sie gespürt: „Wir werden ernst genommen, sind wichtig und willkommen.“

Auch im evangelischen Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim habe sie dieses Gefühl. Im Kollegenkreis und besonders bei Dekanin Birgit Schlegel und Pröpstin Gabriele Scherle, so Gauland, „wird man erstmal unterstützt.“ Zu ihren Stärken zählt Gauland Offenheit, positive Einstellung, Zuhören, unterschiedliche Sprachen sprechen, sich in andere hineinversetzen, Theologie reflektieren und Selbstreflektion. Und was wünscht sich die Ökumene-Begeisterte und erfahrene Weltbürgerin von Kirche? Gauland: „Dass sie aufzeigt, wo Dinge in der Gesellschaft falsch laufen.“

(fnp)

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