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Uhrmacher Carsten Müller braucht ruhige Hände.

Traditionsunternehmen Juwelier Weiss

Wenn die Standuhr nicht mehr richtig tickt

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Das Traditionsunternehmen Juwelier Weiss muss zwar schließen, doch der langjährige Werkstattleiter des Betriebs bleibt Rüsselsheim erhalten. Uhrmacher Carsten Müller wagt den Schritt in die Selbstständigkeit.

Fingerspitzengefühl, Geduld und ein feines Näschen für die Erfordernisse der Zeit sind nicht nur Eigenschaften, die einen guten Geschäftsmann ausmachen. Sie sind auch Kennzeichen eines tüchtigen Uhrmachers. Und das ist – da sind sich seine Kunden sicher – Carsten Müller zweifelsfrei. Im neuen Jahr will sich Müller selbstständig machen, nachdem er die zurückliegenden Jahrzehnte die Werkstatt des Juweliers Weiss leitete. Der muss schließen, Müller aber will Rüsselsheim die Treue halten.

„Ich bin in Rüsselsheim geboren und irgendwie fühle ich immer noch diese Verbundenheit“, sagt der Handwerker mit den ruhigen Fingern. Für ihn ist der Schritt in die Selbstständigkeit, heraus aus dem familiären Umfeld des Unternehmens, in dem er seit mehr als 20 Jahren seine berufliche Heimat hat, ein großer. „Natürlich. Ich bin ja auch verheiratet, habe zwei Kinder. Da hat man ja auch Verantwortung.“ Bange wird ihm trotzdem nicht, wenn er an die Monate und Jahre denkt, die hoffentlich vor ihm liegen. „Ich sehe die Perspektive. Rüsselsheim hat das Potenzial, dass es funktionieren kann“, ist sich Müller sicher.

Was funktionieren soll? Seine eigene Werkstatt. In der Löwenpassage hat er die passenden Räume dafür gefunden, zentral gelegen in der Innenstadt. Am 1. Februar ist die Eröffnung. Was er bieten will? „Den Komplettservice, den die Kunden auch jetzt schon kennen.“ Also: Alles vom simplen Batteriewechsel bis zur Revision des tickenden Handgelenkschmuckes. Und sogar zu seinen Kunden nach Hause will Müller fahren. Etwa immer dann, wenn die große Stand- oder Wanduhr ihrer Zeit hinterherhinkt. „Viele rufen verzweifelt an, wenn bei so einer Uhr mal etwas nicht mehr funktioniert und sind dann überrascht, wenn ich ihnen sage, ich komme vorbei“, berichtet er.

Gerade die großen Uhren sind es, für die der Handwerker ein Faible entwickelt hat. „Was mich reizt, ist, diesen großen, alten Uhren wieder Leben einzuhauchen. Die haben ja einiges erlebt, wenn sie 100 oder 150 Jahre alt sind. Die wieder in Gang zu setzen, ist schon toll“, sagt Müller. Viele sind es nicht mehr, die sich heutzutage noch auf Reparatur und Instandsetzung alter Uhren verstehen. Der Beruf des Uhrmachers ist zwar nicht akut vom Aussterben bedroht, aber zumindest könnte man ihn auf eine „Liste der gefährdeten Arten“ setzen. „Als ich 1993 mit der Ausbildung angefangen habe kamen gerade einmal sieben Leute in Frankfurt für die Ausbildung zusammen. Hätte das nicht geklappt, wäre die nächste Möglichkeit in Hamburg gewesen.“

Aufträge, da ist sich Müller sicher, wird er in absehbarer Zeit genug haben. „Ich habe schon ein paar Aufträge für Wand- und Standuhren für das neue Jahr, die in der Zeit vor Weihnachten einfach nicht abzuarbeiten waren.“ Und er hat schon weitergedacht, will nicht stehen bleiben. „Es wäre möglich, irgendwann nicht nur die Reparatur, sondern auch ein paar einfache neue Uhren anzubieten. Für Fälle, bei denen sich einfach nichts mehr reparieren lässt“, sagt er. Auch im Internet will Müller Präsenz zeigen, sich nicht auf die Stammkunden seines alten Arbeitgebers alleine verlassen. Wenn das klappt, dann kann es auch etwas werden mit dem langfristigen Erfolg in der Rüsselsheimer Innenstadt.

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