Im Juli sollen die Reparaturen an der Ortswaage in König-städten beginnen. Mit der Art, wie dies geschehen soll, ist der Ortsbeirat nicht zufrieden. FOTO: SUSANNE RAPP
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Im Juli sollen die Reparaturen an der Ortswaage in König-städten beginnen. Mit der Art, wie dies geschehen soll, ist der Ortsbeirat nicht zufrieden.

Wiegehäuschen

Wie geht es mit der Waage weiter?

  • VonDr. Susanne Rapp
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Ortsbeirat bemängelt Intransparenz bei der Stadtverwaltung

Königstädten -Vor einem Jahr feierte die Gemeindewaage ihren 125. Geburtstag. In Gebrauch ist sie schon seit Längerem nicht mehr. Denn die Zeiten, in denen ein Bauer seine Heufuhre wiegen ließ, sind vorbei.

Im früheren Zentrum des Ortsteils Königstädten gelegen, hat sich das Wiegehäuschen zu einem beliebten Treffpunkt für Feiern entwickelt - ob es ein Weinabend ist oder das gemeinsame Anstoßen zu Silvester. Unsichere Zeiten verhinderten es, den 125. Geburtstag der "Stadt-Fuhrwerkswaage" im vergangenen Jahr mit einem Fest zu begehen.

Reparaturen für Juli geplant

Doch nicht einmal die Reparaturen, die anlässlich des Jubiläums längst hätten durchgeführt werden sollen, wurden umgesetzt. Allein eine Umzäunung hindert derzeit daran, die Fläche hinter dem Wiegehäuschen, unter der sich das Wiegewerk befindet, zu betreten, da die dortigen Eichenbohlen und die Metallumrandung marode sind, so dass Verletzungsgefahr besteht.

Kein Tagesordnungspunkt, doch eine Mitteilung, die am Ende der jüngsten Ortsbeiratssitzung vorgelesen wurde, informierte nun darüber, was mit der Waage geschehen soll. Ende Juli dieses Jahres starten die Reparaturarbeiten. Die Waage, so steht es im Text, könne nicht mehr geeicht werden, solle aber erhalten bleiben. Der Maschinenteil der Waage soll entfernt und die Grube verfüllt werden. Die Bohlen und der Eisenrahmen der Fläche hinter dem Häuschen sollen, so weit möglich, erhalten bleiben. In dem Schreiben ist auch in einem Nebensatz zu erkennen, das dieses Vorgehen den Vorgesprächen entspreche.

Ein wichtiger Faktor muss in diesem Zusammenhang allerdings berücksichtigt werden. Die Waage steht unter Denkmalschutz, so dass bauliche Veränderungen wie die Verfüllung des Schachtes nicht ohne Einwilligung der Denkmalschutzverantwortlichen möglich ist. Jürgen Hubbert, Mitglied des Denkmalbeirates Rüsselsheim, erklärt auf Nachfrage, man sei zu dem Thema nie befragt worden und habe es daher auch nicht behandelt.

Ortsvorsteher Karl-Heinz Schneckenberger (Linke/Liste Solidarität) diktierte als direkte Reaktion auf das Schreiben einen Antrag, der die "radikale" Maßnahme verhindern soll. Dieser Antrag wurde im Ortsbeirat mit sechs von acht Stimmen angenommen.

Nicht klar ist, worauf sich Stadtrat Nils Kraft (SPD) in seinem Schreiben bezieht. Es handelt sich um Informationen, die bei einer Besichtigung der Waage am 12. November 2020 gesammelt wurden. Wolfgang Einsiedel, der dieses Treffen vermittelt hatte, schrieb im Anschluss ein Protokoll, das er an Kraft weiterleitete und das Licht in die Angelegenheit bringt.

Bei dem Treffen nahmen Nils Kraft und drei seiner Mitarbeiter aus der städtischen Verwaltung sowie zwei ehemalige Waagebauer teil. Kraft fasst zu Beginn zusammen, wie vorgegangen werden soll. Die Verkehrssicherheit der Waagenbrücke soll wiederhergestellt werden, und die Holzplanken der Brücke sollen auf ihre Haltbarkeit für Fahrzeuge und Rutschfestigkeit geprüft werden. Das Wiegehaus selbst mit allem, was sonst in seinem Inneren noch zur Gemeindewaage zählt, soll unangetastet bleiben.

Desolater Zustand der Bausubstanz

Die Untersuchung der beiden ehemaligen Waagebauer an der Oberseite ergaben: Von den Winkeleisen um die Planken der Brücke ist eines halb entfernt worden. Dadurch haben sich die Ecken der Brücke nach oben gebogen. Um die Unterseite zu betrachten, wurde der Einstiegschacht in den Hohlraum geöffnet.

Die Gesamteinschätzung der Fachleute ist im Protokoll wie folgt vermerkt: "Die Waage ist 2006 zum letzten Mal geeicht worden. Durch den schlechten Zustand des Unterbaus der Brücke, sei die Waage daraufhin aus dem Eichverzeichnis herausgenommen worden. Schon damals dürfte langjährige mangelnde Wartung dafür die Ursache gewesen sein. Die Korrosion sei seitdem weiter fortgeschritten."

Daher sei die Tragfähigkeit der Unterkonstruktion, speziell für Fahrzeuge, anzuzweifeln. "Auch das Backstein-Mauerwerk des Schachtes unter der Brücke sei inzwischen sehr brüchig. Die in das Mauerwerk eingesetzten Betonaufleger - hier setzt sich die Brücke zur Entlastung des Waagegestänges beim Befahren der Waage ein - seien kaum noch geeignet, das Gewicht aus Brücke und Fahrzeug zu tragen", heißt in dem Protokoll weiter.

"Es kann nicht sein, dass der Stadtrat es versäumt hat, den Denkmalschutz ebenso wie den Ortsbeirat vor der Vergabe der Aufträge für die Reparaturmaßnahmen zu konsultieren", erklärt Einsiedel. Denn wäre der Ortsbeirat nicht übergangen worden und das Protokoll vom November 2020 diesem bekannt gewesen, hätte das Schreiben über die bevorstehenden Maßnahmen wohl keine so große Aufregung bewirkt. Susanne Rapp

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