Umwelt

Wildwuchs für mehr Flora und Fauna am Mainvorland

Das Mainvorland soll wilder werden. Die Untere Naturschutzbehörde startet deshalb eine Testphase, in der einige Abschnitte weniger gemäht werden. Ziel ist mehr Biodiversität.

Taillenhoch steht das Grün, um einen herum summt es. Je näher man an die Rohrkolben, das grüne Sumpfgras mit dem namensgebenden, dunkelbraunen Blütenstand, herantritt, desto wahrscheinlicher kann man es am Boden platschen hören – Frösche besiedeln die mittlerweile gut versteckte Wasserstelle.

„Wenn wir nichts tun, wächst sie zu“, sagt Harald Lehmann, der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde. Deshalb müssten regelmäßig gezielte Pflegegänge gemacht werden, bei denen auch Pflanzen entnommen werden, erzählt er. Diese sogenannte „gelenkte Sukzession“ ist nötig – ansonsten soll das Mainbiotop, das sich seit 2009 am Fuß der Opelbrücke befindet, in diesem Jahr weitgehend in Ruhe gelassen werden.

Ganz im Sinne der Aktion „Wildes Hessen?!“ des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUKLV) ist weniger mehr. So sollen die Wiesen, am Mainvorland zwischen der Raunheimer Grenze im Osten und dem Opelsteg im Westen, erst einmal nach Lust und Laune wachsen. Die zentrale Fläche vor dem Stadtpark soll dagegen aufgrund von Veranstaltungen und zur Freizeitgestaltung weiterhin gemäht werden.

Von den restlichen rund 15 Hektar Wiesenfläche, die sich dort erstrecken, sollen 10 Prozent extensiv bewirtschaftet werden. Das betreffen in der Testphase 2018 am westlichen Opelsteg 3000 Quadratmeter und am östlichen Abschnitt an der Opelbrücke 12 000 Quadratmeter, die das Biotop einschließen.

Erstmals sollen dort die Wiesen überwintert werden, erklärt Lehmann. „Wir wollen für die Tierwelt auch im Winter Deckung erhalten.“ Auch im Herbst könne der Erfolg schon sichtbar werden. „Der Distelfink freut sich darüber, wenn er hier Futter findet“, weiß Hans-Joachim Sander, Vorsitzender des Naturschutzbeirats.

Bisher seien die Wiesen je nach Abschnitt zwei- bis viermal im Jahr gemäht worden. Das soll nun auf maximal zweimal reduziert werden.

Auch Insekten bräuchten im Winter Rückzugsorte. Bei einer Mahd würden nur die Gräser gefördert, nicht aber die Blütenstände stehen gelassen, die dafür wichtig wären. „Wir haben hier eine wunderbare Hochstaudenflur und eine reichhaltige Flora“, schwärmt Sander und zeigt auf die verschiedenen Pflanzen um ihn herum.

Echtes Labkraut, Wilde Möhren, Disteln, Gemeine Wegwarte, Kreuzkraut – all das sei Nahrungsgrundlage für viele Schmetterlinge und andere Tiere. „Unzählige Libellenarten“ gebe es außerdem durch die Feuchte der Wasserstelle. Darin leben neben Fröschen auch Fische: Bitterlinge und Moderlieschen zum Beispiel. „Ein super Inventar“, stellt Sander fest.

Im Biotop selbst haben sich, neben den Pflanzen aus der Initialsaat 2009, auch eigenständig Erlen angesiedelt. „Das hat sich wunderbar entwickelt“, so Sander. Um vergleichen zu können, wie sich die verschiedenen Bereiche – Ost und West – während der Testphase entwickeln, soll nahe des Opelstegs Saatgut ausgebracht werden, rund um das Biotop dagegen nicht.

Ansonsten ist Renaturierung ebenfalls ein Thema für die Untere Naturschutzbehörde, die sich um die Pflege der Abschnitte kümmert. So soll der Trampelpfad, der am Biotop vorbeiführt, bald durch Baumstämme blockiert werden, die sich „die Natur zurückerobern wird“. Denkbar sind zum Beispiel der natürliche Bewuchs des Totholzes und die Besiedelung durch Insekten.

Ein paar Meter weiter östlich ist die hohe, bunte Grasfläche kurz unterbrochen: Eine Allee zeichnet hier quer zum Main den Verlauf der alten Opelbrücke nach.

Dieses natürliche Denkmal solle selbstverständlich nicht zuwuchern. Auch die Eichen, die rechts und links des Fahrradwegs nach Raunheim Spalier stehen, lobt Lehmann. „Die haben sich prächtig entwickelt“, betont er.

Damit die Biodiversität sich optimal entfalten kann, sollen auch die Bürger darauf hingewiesen werden, was hier passiert. Schilder mit der

Aufschrift „Wildes Hessen?!“

sollen deutlich machen, dass der Wildwuchs gewollt ist. Ziel sei

außerdem mehr Wertschätzung, informiert Stadtrat und Umweltdezernent Nils Kraft (SPD) im Gespräch. „Die Rüsselsheimer dürfen mit offenen Augen wahrnehmen, was es hier gibt.“ Zahlreiche Spaziergänger, Jogger und Radfahrer passierten täglich das Mainvorland. Den Mehrwert des Gebiets müsse man daher hervorheben und schützen, so Kraft.

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