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Auf der Parkbank, wie hier in Berlin, muss in Rüsselsheim niemand schlafen, der obdachlos ist: Das Diakonische Werk bietet genug Notfallplätze bei Frost an.

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Obdachlose finden beim Diakonischen Werk um diese Jahreszeit immer eine vorübergehende Bleibe für die Nacht

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Hunger und Kälte setzen den Obdachlosen im Winter zu. Für den Notfall gibt es Übernachtungsmöglichkeiten in Rüsselsheim, das Diakonische Werk stellt Betten bereit. Doch damit ist es noch lange nicht getan.

Minus fünf Grad, Wind, Schnee. Gut hat es, wer bei so einem Wetter zu Hause auf der Couch liegen kann. Für einige ein zynischer Gedanke, denn nicht jeder in Rüsselsheim und Umgebung hat das Glück, ein Dach über dem Kopf zu haben. „Genaue Obdachlosen-Zahlen gibt es nicht“, sagt Kerstin König, Regionalleiterin Nord des Diakonischen Werks Rüsselsheim.

Fakt sei, dass es mehr Wohnungs- als Obdachlose gibt – also mehr, die zwar keine Wohnung, aber eine vorübergehende Bleibe haben. Rund 280 sind in der Stadt als Eingewiesene bekannt. Die Obdachlosen dagegen tauchen in der Statistik so nicht auf.

Keine Notbusse nötig

Gerade im Winter haben es in Deutschland viele von ihnen noch schwerer als sonst: In Großstädten sind die Notunterkünfte oft riesig und überfüllt. Einige schlafen unter freiem Himmel. Für den Notfall haben größere Städte Kältebusse eingerichtet, die rund um die Uhr benachrichtigt werden können und die Menschen ins Warme bringt. „Solche Notfallbusse brauchen wir hier nicht“, weiß König. Die Leute wüssten, dass sie bei der Diakonie – in Rüsselsheim im Rugbyring 150 und in Groß-Gerau in der Schützenstraße 4 – Hilfe finden. „Bis zu 14 Tage im Monat dürfen Obdachlose regulär bei uns übernachten“, so König. Das sei vom Kreis so vorgegeben. Bei Frosttemperaturen unter null Grad greife aber die Frostregelung: „Wir schicken niemanden hinaus, niemand muss frieren“, so die Sozialarbeiterin.

Elf feste Notplätze

Elf feste Notfallplätze zur Übernachtung gibt es in Rüsselsheim, im schlimmsten Fall werden weitere Notbetten im Tagesaufenthaltsraum aufgestellt. Das komme allerdings selten vor. Auch Erfrierungsfälle habe es ihres Wissens bisher keine gegeben. Selbst im gröbsten Fall kümmern sich die Mitarbeiter um eine Lösung, zum Beispiel eine Übernachtung in anderen Einrichtungen.

Hinaus in die Kälte müssen die meisten dennoch: Den Tagessatz des Arbeitslosengeldes II – knapp 13 Euro – erhalten die Bedürftigen nur an 22 Tagen im Monat an derselben Ausgabestelle. An den übrigen acht müssen sie eine andere aufsuchen – eine veraltete Regelung, die auf vergangene Landstreicherzeiten zurückgeht, in denen Obdachlose wandernde Menschen waren.

„Diese Klientel haben wir nicht mehr – die allermeisten Menschen sind aus bitterer Not auf der Straße“, so Kerstin König. Das bedeutet, dass für die komplette Auszahlung entweder gelaufen oder schwarzgefahren werden muss. Im schlimmsten Fall endet das für einige im Gefängnis.

Wer im Winter einen Obdachlosen antrifft, der möglicherweise Hilfe braucht, sollte ihn direkt ansprechen. „Fragen Sie, ob es der Person gut geht, ob man etwas tun kann“, rät König. Im Zweifelsfall empfiehlt sie den Notruf, tagsüber ist das Diakonische Werk direkt unter (0 61 42) 6 80 41 erreichbar.

Ein Gespräch ist viel wert

Sonstige Unterstützung in Form von Geld oder Essen sei ebenfalls völlig in Ordnung. „Was den Obdachlosen aber fehlt, sind soziale Kontakte. Essen bekommen sie morgens und abends in der Regel bei uns“, so König. Auch die Notkleiderkammer ist gut gefüllt, gespendet wird dafür viel.

Fünf Minuten für ein Gespräch zu investieren sei deshalb schon sehr viel wert, sagt sie. „Meist ist es nicht das Brötchen, das fehlt.“ In der Regel seien Obdachlose ausgehungert nach menschlicher Nähe. „Aber es hilft auch schon, konkret zu fragen: Kann ich helfen, und wenn ja, wie?“ Hundebesitzer würden sich über Futterspenden freuen, auch die Übernahme eines Tierarztbesuchs sei denkbar. Letztlich sei es natürlich jedem Hilfsbereiten selbst überlassen, was er tue.

Wovon die Expertin abrät, sind Lebensmitteltüten oder Kleiderspenden, die an Zäune gebunden werden, damit die Obdachlosen sie abholen können. „Das ist würdelos“, findet sie.

Statt Zuwendung erhielten die Betroffenen damit das Signal, noch mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

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