Alles im Blick: Was die Hochschulforschung leistet, soll künftig sichtbarer und zugänglicher werden - auch an den Standorten der Hochschule Rhein-Main in Rüsselsheim und Wiesbaden. FOTO: Hochschule Rhein-Main / LUKAS PALIK / ANdreas Schlote
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Alles im Blick: Was die Hochschulforschung leistet, soll künftig sichtbarer und zugänglicher werden - auch an den Standorten der Hochschule Rhein-Main in Rüsselsheim und Wiesbaden.

Interview

Wissenschaft braucht Transparenz

  • Stella Lorenz
    VonStella Lorenz
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Forschung treibt den Fortschritt der Gesellschaft voran. Dass es deshalb wichtig ist, sie zu fördern, liegt auf der Hand - aber wie genau sich die Finanzierung der Hochschulen zusammensetzt, ist immer unterschiedlich. Redakteurin Stella Lorenz hat mit Professorin Eva Waller, Präsidentin der Hochschule Rhein-Main, und Professor Bodo Igler, Vizepräsident für Forschung, Entwicklung und Informationstechnologie, darüber gesprochen, wie die Hochschule ihre Gelder akquiriert und wofür sie eingesetzt werden.

Frau Prof. Dr. Waller, Herr Prof. Dr. Igler - die Hochschule Rhein-Main leistet mit zahlreichen Projekten einen großen Beitrag zur Forschung. Viele davon sind kostenintensiv. Wie finanziert sich das?

Igler: Der größte Teil unseres Budgets - die Grundfinanzierung - kommt vom Land Hessen. Im vergangenen Jahr waren das rund 100 Millionen Euro. Die eingeworbenen Drittmittel für Forschung beliefen sich dagegen auf etwa fünf Millionen Euro. Darüber hinaus gibt es noch weitere Drittmittel jenseits der Forschung, beispielsweise für die Mobilität der Studierenden oder Auslandsaufenthalte von Mitarbeitenden, die mit öffentlichen Fördergeldern möglich gemacht werden.

Wo kommen diese weiteren Drittmittel in der Regel her?

Igler: Viele davon kommen vom Land, vom Bund oder der EU, sie müssen beantragt werden und sind beispielsweise an Lehrprojekte gebunden. Es gibt auch Fördermittel, die von Unternehmen oder anderen Einrichtungen einfließen.

Welchen Anteil machen diese nicht-öffentlichen Gelder aus?

Igler: Etwa sechs Prozent der Drittmittel kommen im Sinne eines Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnisses zusammen, das waren 2020 knapp 320 000 Euro - weniger als ein Prozent des Gesamtbudgets.

Waller: Im Wesentlichen ist es so, dass die Forschungsmittel über öffentliche Einrichtungen kommen. Nur ein sehr geringer Teil kommt direkt von Praxiskontakten.

Sind das immer Wirtschaftsunternehmen?

Igler: Nein, im Fachbereich Sozialwesen haben wir beispielsweise Kooperationen mit Kindertagesstätten, sozialen Einrichtungen oder Kommunen. In Wiesbaden haben wir zum Beispiel vor ein paar Jahren für die Entsorgungsbetriebe die App "Sauberes Wiesbaden" gebaut, mit der man überquellende Mülleimer oder illegalen Sperrmüll melden konnte. Davon hat die Hochschule von der Stadt etwa 10 000 bis 20 000 Euro bekommen.

In Rheinland-Pfalz gab es im vergangenen Jahr eine Klage, welche die Uni Mainz dazu zwang, ihre unternehmensseitig erhaltenen Forschungsgelder offenzulegen. Gehört der transparente Umgang mit Drittmitteln an der Hochschule Rhein-Main von vorneherein zum Leitbild?

Igler: Wir müssen natürlich einen Jahresabschluss erstellen, wo all diese Sachen drinstehen. Das, was wir an öffentlichen Drittmitteln einwerben, ist meist ohnehin bekannt und steht auf der Website der Förderprojekte. Die meisten Bürger möchten berechtigterweise auch wissen, was mit ihren Steuergeldern passiert.

Wie verhält es sich bei Auftragsforschungen von Unternehmen?

Igler: Das ist es etwas komplizierter, weil oft vertraglich festgehalten ist, was öffentlich bekanntgegeben werden darf. Da handelt es sich um Geschäftsgeheimnisse und hohe Rechtsgüter, die wir gesetzestreu zu vertreten haben. Wenn wir es anonymisieren können, haben wir aber kein Problem damit, die Höhe der Drittmittel preiszugeben.

Was ist Ihnen daran wichtig?

Igler: Für uns ist ein wichtiger Aspekt, ethisch und moralisch vorzugehen. Wenn Gelder aus zweifelhafter Quelle kämen oder die Wissenschaftlichkeit fragwürdig ist, dann sagen wir "Nein".

Waller: Außerdem trennen wir bei uns an der Hochschule sauber: Wenn wir Mittel vom Land für die Lehre bekommen, werden sie auch dafür verwendet. Genauso verhält es sich bei Geldern von Auftraggebern für ein bestimmtes Forschungsprojekt. Sowohl bei staatlichen als auch privaten Hochschulen kann man davon ausgehen, dass verantwortungsbewusst damit umgegangen wird.

Wie wird entschieden, welche Auftragsforschung und welches Projekt durchgeführt wird?

Igler: Die Auftragsvergabe erfolgt durch die Hochschulleitung, mindestens ein Präsidiumsmitglied schaut sich an, ob der Vertrag so eingegangen werden kann. Wenn es dann Fragen gibt, wird das natürlich diskutiert.

Finanziell ist die Hochschule Rhein-Main also nicht abhängig von Auftragsforschungen aus der Wirtschaft. Trotzdem sind sie aber sehr relevant, richtig?

Igler: Den Kontakt zur Praxis haben wir uns als Hochschule für angewandte Wissenschaften auf die Fahne geschrieben. Wenn wir in einem Themengebiet arbeiten und ein Unternehmen kommt mit einer interessanten Fragestellung auf uns zu, ist das immer fruchtbar. Langfristig kann das Ziel sein, mit unseren Kooperationspartnerinnen und -partnern erfolgreich öffentliche Drittmittelprojekte zu beantragen.

Waller: Wir sehen uns gerne als Vermittler. Viele Kolleginnen und Kollegen kommen ursprünglich aus der Praxis, und über diese Vernetzung versuchen wir, Kommunen mit Unternehmen und der Forschung zusammenzubringen. Ein sehr schönes Beispiel ist Electric City hier in Rüsselsheim. Den Punkt sollte man weiter vorantreiben: Nicht nur Großunternehmen und Kommunen an den Tisch kriegen, sondern auch die Zulieferer. Die gesamte Wertschöpfungskette wissenschaftlich zu begleiten, bietet viel Potenzial - gerade in Rüsselsheim.

Auch für die Studierenden sind diese Synergien essenziell, oder?

Igler: Bei uns entsteht der weitaus überwiegende Teil der Bachelorarbeiten in Kooperation mit externen Partnerinnen und Partnern. Bei den Masterarbeiten ist es ähnlich. Für uns als Hochschule für angewandte Wissenschaften ist es wichtig, dass die Studierenden Praxiskontakte haben. Praxis, Lehre und Forschung passen hier einfach gut zusammen. Wir möchten die Lehre ja interessant und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft gestalten. Das gelingt, wenn Kolleginnen und Kollegen in Forschungsprojekten arbeiten.

Wie zahlt sich das im Idealfall langfristig aus?

Igler: Die Studierenden, die jetzt bei uns erfolgreich studieren und später in der Region eine Stelle bekommen oder selbst gründen, melden sich zum Teil zurück und vernetzen ihr Unternehmen mit der Hochschule, beispielsweise, weil sie ein interessantes Thema haben, das aktuelle Studierende bearbeiten könnten. Auf die Art und Weise entstehen weitere Praxiskontakte - quasi Transfer durch Köpfe. Unsere Studierenden bekommen eine ordentliche wissenschaftliche Ausbildung, die sie nach draußen tragen, sie bringen aber auch einiges zurück. Und dann entstehen vielleicht Projekte, für die dann ein größerer Förderungsantrag gestellt werden kann.

Wie schätzen Sie die Präsenz dieser Vorgänge in der Öffentlichkeit ein?

Igler: Oft ist nicht klar, was für Aufgaben die Hochschule hat oder wie sie sich finanziert. Wir sind unglaublich bemüht, für Transparenz zu sorgen. Dabei wird das Thema Open Science uns in den kommenden Jahren alle beschäftigen.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Igler: Es geht darum, dass die Bevölkerung weiß, was in der EU an Forschung betrieben wird - und sich gegebenenfalls auch daran beteiligt. Open Data ist ein wichtiger Teil davon: Künftig sollen alle dank öffentlicher Hilfe finanzierten Forschungsergebnisse zur Verfügung gestellt werden. Innerhalb weniger Jahre soll die Grundidee umgesetzt werden, die Bevölkerung in den wissenschaftlichem Austausch einzubeziehen und ihr insbesondere umfassende Einblicke in die öffentlich finanzierte Forschung zu geben.

Wie kann das ermöglicht werden?

Igler: Im Zuge der Digitalisierung ist das ein Riesenthema. Auf der regulativen Seite müssen bereits Forschungsdaten zur Verfügung gestellt werden, wenn man von EU oder Deutscher Forschungsgemeinschaft Geld erhält. Das ist in digitalen Archiven möglich, sogenannten Repositories. In Hessen betreiben etwa die Uni Marburg und die TU Darmstadt solche Repositories. Auf der technischen Seite werden die nötigen Infrastrukturen also gerade hochgezogen.

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