DDR

Ein Zeitzeuge berichtet: „Meine Wohnung war komplett verwanzt“

Was passierte, wenn man in der DDR das System kritisch sah und es reformieren wollte, erzählte der Zeitzeuge Robert Krug am Dienstagmittag interessierten Oberstufenschülern in der Immanuel-Kant-Schule.

Wie „in der Freiheit gefangen“ habe er sich 1981 nach seiner Entlassung aus der ersten Inhaftierung als Staatsfeind der DDR gefühlt, erzählt Robert Krug. Denn die ihm zugewiesene Wohnung sei „komplett verwanzt“ gewesen. Spione der Staatssicherheit (Stasi) seien ihm auf Schritt und Tritt gefolgt. Zudem habe er Berufsverbot erhalten.

Robert Krug spricht ruhig und seine Emotionen sind kaum wahrnehmbar. Doch sie sind da, unter der sanftmütig erscheinenden Oberfläche des 60-jährigen. Am Dienstagmittag berichtet der Zeitzeuge des DDR Regimes vor gespannt lauschenden Oberstufenschülern in der Immanuel-Kant-Schule aus seinem Leben.

Zunächst sei er regimetreu und Mitglied der Freien Deutschen Jugend gewesen. Mit 19 Jahren sei er sogar zum vollwertigen Mitglied der SED ernannt worden. Als er jedoch wenig später beruflich nach Dresden versetzt worden und dort auf ehemalige SPD Genossen getroffen sei, die mit dem System aufgrund des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 komplett abgeschlossen hätten, habe er damit begonnen, das DDR Regime mehr und mehr zu hinterfragen.

„Vom 17. Juni hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört. Das wurde in der DDR totgeschwiegen“, berichtet Krug den Schülern. Plötzlich habe er sich Fragen gestellt, wie: „Warum wird etwas so gemacht, wie ich es sehe?“ oder „Warum werden alle kritischen Tendenzen sofort ausgelöscht?“ Ihm habe nicht gefallen, wie sich die „SED-Bonzen Privilegien herausnahmen, die dem normalen Volk verwehrt blieben“, sagt Robert Krug ernst. „Sie hatten Papaya, Kiwis und anderes tropisches Obst, das ich noch nie in meinem Leben zuvor gesehen hatte.“ Er habe dieses Verhalten der oberen SED-Mitglieder als „Betrug am Volk“ gesehen und das habe in ihm die Abkehr vom System hervorgerufen.

Zur ersten Verhaftung sei es 1980 mit dem Anklagepunkt „staatsfeindliche Hetze“ gekommen, nachdem er einen ersten Artikel über seine Eindrücke in der Zeitung seiner Firma veröffentlicht habe. „Von den zwei Jahren, zu denen ich verurteilt wurde, habe ich 18 Monate abgesessen“, erinnert sich Krug.

Schon danach sei ihm angeboten worden, nach West-Deutschland überzusiedeln. Das habe er jedoch zunächst abgelehnt, denn „ich wollte doch hier in der DDR etwas ändern“, gibt der Zeitzeuge zu.

Nach der Entlassung habe er Urlaub gemacht und eine Frau kennengelernt, in die er sich verliebt habe. Die Schüler der Kant-Schule lachen ungläubig auf, als ihnen Robert Krug berichtet: „Am letzten Tag des Urlaubs hat mir die Frau gestanden, dass sie von der Stasi auf mich angesetzt worden war.“ Die Frau – alleinerziehende Mutter dreier Kinder – sei von der Stasi dazu gezwungen worden. „Sie haben ihr gedroht, dass die Kinder sonst in ein Heim kämen und sie sie nie widersehen würde.“ Er habe der Frau verziehen und sie sogar wenig später geheiratet, was natürlich bei der SED alles andere als gut angekommen sei.

„Gemeinsam haben wir dann als Familie einen Ausreiseantrag nach West-Deutschland gestellt“, erzählt Krug weiter. Doch 1983 wurde Robert Krug ein weiteres Mal – dann wegen „Öffentlicher Herabwürdigung“ verhaftet und zu drei Jahren Haft verurteilt. Was war passiert? „Ich hatte Flugblätter gegen die atomare Aufrüstung der DDR vervielfältigt und in Berlin verteilt“, berichtet der Zeitzeuge. Natürlich habe die Stasi auch davon Wind bekommen. Knapp zehn Monate habe er im Gefängnis gesessen. Dann sei er durch die Bundesregierung freigekauft worden und im September 1984 nach Gießen ausgereist. An dieser Stelle seiner Lebensgeschichte wird sichtbar, dass ihn die Erinnerung „an den ersten Schritt auf Westdeutschen Boden“ auch nach vielen Jahren noch berührt. Die Stimme von Robert Krug zittert ein wenig.

Seine Frau und die Kinder seien wenig später nachgekommen. Doch im Westen habe die Ehe nicht mehr lange gehalten, erzählt Krug.

Heute lebt Robert Krug im hessischen Eppstein und arbeitet als Kraftwerksmeister und Ausbilder bei der Energieversorgung Offenbach AG.

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