Nicht eine künstliche Hüfte, sondern gleich zwei Gelenkprothesen hat Dr. Manfred Krieger (rechts) seinem Patienten Christoph Buck an einem Tag ambulant eingesetzt. Foto: Maik Reuß
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Nicht eine künstliche Hüfte, sondern gleich zwei Gelenkprothesen hat Dr. Manfred Krieger (rechts) seinem Patienten Christoph Buck an einem Tag ambulant eingesetzt. Foto: Maik Reuß

Gesundheit

Zwei neue Hüften an einem Tag

  • Angelika Ohliger
    vonAngelika Ohliger
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Orthopäde im Klinikum Rüsselsheim setzt Implantate ein - und am Abend kann der Patient wieder nach Hause gehen.

Rüsselsheim-Christoph Buck hatte jahrelang Schmerzen. Als junger Mann war er schwer erkrankt, Medikamente zerstörten seine Hüftgelenke. Er ertrug sein Leiden - bis zum Mai vergangenen Jahres, als er nachts nicht mehr schlafen konnte.

Der 44-Jährige, der sich selbst als kritischen und skeptischen Menschen bezeichnet, holte Informationen ein und wurde in Rüsselsheim fündig. Dr. Manfred Krieger, Honorararzt am GPR-Klinikum, bekam sein Vertrauen. Krieger beeindruckte ihn vor allem deshalb, weil er Gelenkprothesen ambulant einsetzt: morgens operiert, abends nach Hause gehen.

Im Vorgespräch äußerte der Mann aus dem Siegerland den Wunsch, gleich beide Hüften an einem Tag ersetzt zu bekommen. Krieger, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, war zunächst sehr überrascht, kam dann aber doch zu dem Schluss, dass es möglich sein könnte.

"Neues Kapitel in der Chirurgie"

Und er behielt recht: Vor gut zehn Monaten setzte er seinem Patienten aus dem Siegerland zwei Gelenke in weniger als zwei Stunden ein, und am Abend war der Mann wieder zu Hause. "Einzigartig, zumindest in Europa", wie Krieger nach längerer Recherche herausgefunden hat. "Damit hat er ein neues Kapitel in der Geschichte der Hüftgelenk-Chirurgie aufgeschlagen", schreibt das Klinikum, an dem Krieger seit mehr als 20 Jahren arbeitet.

3500 Operationen hat er in dieser Zeit durchgeführt, mehr als 100 Patienten setzte er ambulant eine Hüfte ein. Neuere Operationsmethoden wie die minimalinvasive Chirurgie, die gewebeschonenden Eingriffe mit kleinstmöglichen Schnitten, haben dazu geführt, dass ambulantes Operieren auch bei einem großen Gelenk wie der Hüfte möglich ist. Acht bis zehn Zentimeter sind die Schnitte lang.

Um 24 Stunden nach einem Eingriff wieder nach Hause gehen zu können, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Dazu gehört ein Team, das nahtlos zusammenarbeitet. Der Anästhesist muss die Narkose besonders schonend dosieren, damit der Patient nach dem Aufwachen nicht benebelt ist. Schon während des Eingriffs bekommt er lokale Schmerzmittel.

45 Minuten nach Ende der OP konnte Buck aufstehen, nach eineinhalb Stunden ein zweites Mal. Dann bekam er etwas zu essen. Nach drei Stunden kam die Physiotherapeutin für erste Übungen, und bereits nach knapp sechs Stunden konnte der freiwillige Feuerwehrmann Treppen steigen - zwei Stockwerke hoch und runter. Zwischendurch gab es einen Imbiss oder ein Speiseeis. "Ausschlaggebend ist die Verknüpfung der kleinen Dinge in der richtigen Reihenfolge", sagt Krieger.

Operieren auf der Überholspur

Der Orthopäde nennt die Vorteile der "Ultra-Fast-Track-Chirurgie" (Fast Track bedeutet Überholspur): schnellere Mobilität, geringeres Thromboserisiko, keine Drainageschläuche und "so gut wie nie" Bluttransfusionen. Außerdem sinke die Gefahr deutlich, sich mit Krankenhauskeimen zu infizieren.

Das Rüsselsheimer Klinikum, in dem im vergangenen Jahr mehr als 600 Hüften ersetzt wurden, ist stolz auf die Entwicklung. 75 Prozent seiner Patienten könnte er ambulant operieren, glaubt Krieger. "Das muss Standard werden."

Doch "Hip-in-a-day", die Hüfte an einem Tag, hat derzeit für das Krankenhaus Nachteile, denn es muss drauflegen. Die Fallpauschalen sehen bei einer Hüftoperation einen Krankenhausaufenthalt von drei Tagen vor. Jeder Tag weniger gibt finanzielle Abzüge. "Die Abschläge sind dann so hoch, dass noch nicht einmal die Implantate bezahlt werden", sagt GPR-Geschäftsführer Achim Neyer. Die Prothesen für Buck kosteten 1600 Euro pro Stück.

Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell ein Patient nach einem ambulanten Eingriff wieder fit ist. Unterarmstützen hat er nur zur Sicherheit drei Tage im Haus und fünf Tage außer Haus benutzt. Fünf Wochen nach dem Eingriff ist der Betriebsleiter wieder zur Arbeit gegangen. Im Fitness-Studio war er bis zu Beginn der Corona-Einschränkungen. Jetzt trainiert er zu Hause und fährt Rad. Längst ist er wieder in der Einsatzabteilung der Feuerwehr aktiv. Das Vertrauen in das Rüsselsheimer Team sei gerechtfertigt gewesen, sagt er: "Bei mir verlief alles wie im Bilderbuch." Angelika Ohliger

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