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Der Groß-Gerauer Wilhelm Gilbert mahnt: ?Lasst Euch nicht manipulieren!?

Gespräch in der Prälat-Diehl-Schule

Zwei Zeitzeugen sprechen über die Schrecken von Nazi-Deutschland

Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit: Wilhelm Gilbert und Marlies Fassoth berichteten als Zeitzeugen in der PDS. Gilbert mahnte die Jugend: „Haben Sie acht, Sie könnten fürchterlich manipuliert werden.“

Wilhelm Gilbert verbarg nicht, wie sehr ihn die Reise in die eigene Vergangenheit aufwühlte: „Als Lehrer Udo Stein und Museumsleiter Jürgen Volkmann mich gefragt haben, ob ich als Zeitzeuge sprechen würde, ahnte ich nichts von den schlaflosen Nächten, die mir das bereitete“, wandte sich der 87-Jährige in der Aula der Prälat-Diehl-Schule (PDS) an die versammelten Schüler.

„Was ich Ihnen erzähle, sind die Erinnerungen eines Jungen an das Dritte Reich und an den fürchterlichen Krieg. Das alles war in meinem Kopf recht gut zugedeckt, doch in den letzten Wochen bekam ich es nicht mehr los“, sagte er.

Neben Wilhelm Gilbert war es am Mittwoch die 1938 geborene Marlies Fassoth, die über ihre Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit berichtete. Ihre Darlegungen waren erhellt von der Hoffnung auf Arbeit und Auskommen ab den 50er-Jahren. „Aus nichts etwas zu machen“, lautete die Devise. Kontakt zu amerikanischen Soldaten half, Lebensmittel zu bekommen. „Es wurde sehr viel gegessen. Es war, als hätten alle ein Loch im Bauch.“

An das erste eigene Fahrrad erinnert sich Fassoth, als sei es gestern gewesen. Das kleine Mädchen im Krieg erlebte indes eine Welt ohne Männer. „Es gab nur Mütter. Mütter waren die Heldinnen in diesem Krieg.“ Doch in den Städten sei es weit schlimmer gewesen als auf dem Land: Verwandte im Odenwald halfen der kleinen Marlies und ihrer Mutter zu überleben. Zu ihnen fuhren sie, als die Bomben fielen. Auch von Todesangst erzählte Fassoth den Schülern. „Wenn aber die Mutter in der Nähe war, hatte ich nie Angst.“

Wilhelm Gilbert beeindruckte durch seine reflektierten Ausführungen: „Ich war vier Jahre, als Reichspräsident Paul Hindenburg 1933 die Kanzlerschaft in die Hände eines Mannes legte, der ganz unten stand. Sein Name: Adolf Hitler.“ Gilbert weiter: „In der chaotischen Zeit von 1918 bis 1933 hatte sich die NSDAP etablieren können. Ich habe an die Jahre nicht viel Erinnerung. Ich wuchs in dieses Drittes Reich hinein, das sich wie eine Krake über Deutschland ausbreitete. Die Menschen standen im Einfluss der Reichspropaganda.“

Für den kleinen Wilhelm waren Jungvolk, Strammstehen, Gehorsam und Marschieren normal: Alle Kinder seien dabei gewesen. „Unsere Lehrer waren gehalten, in der Spur zu bleiben“, so Gilbert. Er sagte: „Heute haben wir etwas, das heißt Demokratie. Damals hatten wir Diktatur. Es hieß: Sei still, sonst kommst du nach Dachau.“ Damit war das Konzentrationslager vor den Toren Münchens gemeint. Die Lager waren, wie die Forschung heute weiß, öffentlich bekannte Orte.

Gilbert setzte hinzu: „Es ist mir alles nach wie vor einfach schrecklich.“ Er erzählte von der Familie mit den vier Kindern, von Haus und Acker, vom Amt des Vaters als Stadtkämmerer, von der schwierigen Lage je länger der Krieg dauerte, von Lebensmittelkarten und vom Bestreben, dass man zumindest „ein bisschen satt wurde“.

Die Angst vor Bombenangriffen, Pflicht zur Verdunkelung und Fliegeralarm – all dies war Teil seiner Jugend. Gilbert wurde beim Bombenangriff auf Groß-Gerau August 1944 schwer verwundet. „Ich stand am Eingang zum Keller, sah ein Flugzeug auf mich zu stürzen und soll Mutter noch gewarnt haben. Aber davon weiß ich nichts mehr.“ Das Leben des schwer verwundeten 15-Jährigen hing am seidenen Faden. Während der Brandnacht in Darmstadt am 11. September wurde er aus dem dortigen Krankenhaus durch ein Flammenmeer hinausgetragen. cma

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