Die Stadt Rüsselsheim will in den Stadtbüros Fotoautomaten aufstellen. Fotografen sehen ihre Existenz bedroht. 
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Die Stadt Rüsselsheim will in den Stadtbüros Fotoautomaten aufstellen. Fotografen sehen ihre Existenz bedroht. 

„Dann mache ich den Laden dicht“

Passbilder nur noch von der Behörde? Fotoautomaten bedrohen Existenz von Fotografen

Die Stadt Rüsselsheim überlegt, Fotoautomaten in den Stadtbüros aufzustellen, damit Bürger dort direkt ihre Passbilder machen können. Die Fotografen könnte das ihre Existenz kosten.

  • Die Stadt Rüsselsheim will Fotoautomaten in den Stadtbüros aufstellen
  • Passbilder sollen dann direkt vor Ort gemacht werden 
  • Fotografen sehen ihre Existenz bedroht

Rüsselsheim - Die Fotografen in Rüsselsheim stehen vor einer Bedrohung, die sie ihre Laden kosten könnte. Denn bereits seit einiger Zeit überlegt die Stadt, Fotoautomaten in den Stadtbüros aufzustellen. Ein Passbild für einen Personalausweis kann somit gleich dort angefertigt werden; der Gang zum Fotografen entfiele - auch, wenn letztlich die Bürger die Wahl haben, ob sie die Fotos am Automat oder beim Fotografen machen lassen wollen.

"Wenn man Sie vor die Wahl stellen würde, ob Sie die Fotos direkt vor Ort machen lassen wollen oder durch die ganze Stadt zu laufen, was würden Sie dann wohl wählen?", fragt Rudolf Gübert pessimistisch. Seit 35 Jahren betreibt er seinen Laden am Bahnhof, nun könnte damit bald Schluss sein. "Kommt der Automat, können wir alle dichtmachen", ist Gübert überzeugt. Gut zwei Drittel der Umsätze macht er derzeit mit Passbildern, sollten die wegfallen, sei auch der Rest des Ladens nicht zu halten: Kosten für Miete, Personal, Versicherungen, das alles könne er sich dann nicht mehr leisten. Bereits jetzt habe er einer Auszubildenden mitteilen müssen, dass er sie nicht übernehmen kann. Zu hoch sei das Risiko gewesen.

Rüsselsheim: Existenz von Fotografen wegen Fotoautomaten bedroht 

Bereits im vergangenen Jahr führte der Fotograf daher Gespräche mit der Stadt Rüsselsheim. Selbst an Bundestagsabgeordneten Stefan Sauer (CDU) wendete er sich. Das erste Gespräch mit der Stadt verlief nach Angaben Güberts "gut".

Doch im zweiten Gespräch im November hatte er den Eindruck, Oberbürgermeister Udo Bausch (parteilos) habe alles vergessen. "Ich glaube, bei der Stadt verstehen sie die Folgen für uns nicht", ist er überzeugt. "Wer fotografiert die Babys oder die Leute, die schlecht zu Fuß sind? Wer macht Sonderformate für Visa, Bewerbungs- oder Führerscheinfotos? Wenn wir weg sind, ist niemand mehr da."

Normalerweise ist Rudolf Gübert gut gelaunt. Doch das Thema Fotoautomaten bringt ihn zur Weißglut.

Das von der Stadt angebrachte Argument, dass eine Übermittlung der Fotos über eine sichere Datenleitung nicht möglich sei, lässt er nicht gelten. "Wir können das bereits seit 2014, doch immer wieder kommt die Absage aus der Verwaltung, dass das Computersystem dies nicht hergeben würde", sagt er resigniert. In anderen Städten, etwa Köln und Düsseldorf, funktioniere die Übermittlung hingegen einwandfrei. "Wieso sollte das in Rüsselsheim nicht der Fall sein?"

Rüsselsheim: Stadt überlegt Fotoautomaten aufzustellen 

Angestoßen wurde die Debatte von einem Vorstoß des Bundesinnenministeriums, dass für Ausweis-Passbilder nur noch Fotoautomaten zugelassen werden, die in Behörden aufgestellt sind. Ursache war die Angst vor sogenanntem "Morphing", der Manipulation durch das Zusammenschneiden mehrerer Passbilder. Nach den Beschwerden zahlreicher Verbände ruderte das Ministerium zurück: Kommunen sollen selbst über das Aufstellen der Automaten entscheiden.

Dass der Innenminister mit seinem Vorstoß nicht durchkam, ist für die Fotografen zumindest ein kleiner Triumph, sagt auch Simone Alberti-Stange vom Fotostudio Alberti. "Ich verstehe nicht, wie das alles überhaupt funktionieren soll", sagt sie. "Im Bürgeramt sind jetzt schon lange Schlangen und Personalmangel und jetzt sollen die dort auch noch die Fotoautomaten betreuen?" Ganz zu schweigen von den überaus bescheidenen Fotos, die die Automaten oft ausspuckten.

Schon oft seien Leute zu ihr gekommen, nachdem ein Automat sie nicht richtig fotografiert hatte. "Farben stimmen oft nicht, die Kunden sprechen von Verbrecherbildern." Viele Gruppen könnte der Automat gar nicht fotografieren, etwa zappelnde Kinder, Leute mit dunklerer Hautfarbe oder hellen Haaren. Wo sollten diese Leute hin, wenn sie ihren Laden dichtmacht? Gübert ist indes überzeugt, dass die Stadt den Automaten vor allem will, um den Haushalt aufzubessern. "So ein Passbildautomat kostet 25.000 Euro. Wenn alle dort ihre Passbilder machen müssen, dann fließt das Geld schnell zurück in die Kasse", mutmaßt der Fotograf. "Was das für Folgen für uns hat, das scheint der Stadt egal zu sein." Die Pressestelle der Stadt Rüsselsheim konnte bis Redaktionsschluss am Dienstag (28.01.2020) keinen Kommentar zu den Vorwürfen abgeben.

Für Februar hat Gübert noch einmal ein Gespräch mit Oberbürgermeister Bausch vereinbart, doch seine Hoffnung ist gering: "Ich habe noch einen Laden in Hofheim, dorthin werde ich wohl wechseln", sagt er. Schade, denn in Rüsselsheim habe es ihm immer sehr gut gefallen.    

Von Alexander Seipp   

Ein Fotograf aus Rüsselsheim begibt sich auf Entdeckungstour durch seine Heimat, auf der Suche nach seinen eigenen Wurzeln und dem, was Rüsselsheim ausmacht und prägt. Die Kunstwerke im öffentlichen Raum führt Sam Khayari in einer virtuellen Karte zusammen.

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