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Landrat Thomas Will verliest den Text der Urkunde, bevor er sie "Rind"-Betreiber Florian Haupt (Zweiter von links) stellvertretend für das ganze Team überreicht. 

Kulturzentrum

Das "Rind" bekommt den Kulturpreis des Kreises 

Das Kulturzentrum "Das Rind" in Rüsselsheim erhält den  Kulturpreis des Kreises Groß-Gerau.

Rüsselsheim - Kultur hat einen sehr viel höheren Stellenwert, als nur an guten Tagen als Schmankerl auf den Tisch zu kommen. Darüber waren sich die Redner und Gäste am Sonntag bei der Verleihung des Kulturpreises des Kreises Groß-Gerau einig. Das Rüsselsheimer Kulturzentrum "Das Rind" ist der Preisträger des im Zweijahresrhythmus verliehenen und mit 5000 Euro dotierten Preises.

Landrat Thomas Will (SPD) führte viele unterschiedliche Punkte auf, für die das "Rind" stehe: "Haltung zeigen, Engagement fördern, für eine vielfältige, bunte Kultur streiten, die Integration verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten, Nationalitäten fördern, Menschen an demokratische Entscheidungsstrukturen beteiligen."

Der neue Kulturpreisträger verbinde zwei der wichtigsten Aufträge von Kunst und Kultur, so Will: Menschen emotional zu bewegen und Menschen über sozialen und kulturellen Barrieren hinweg zusammenzuführen. Nicht zuletzt fänden sich mehrere Generationen unter einem Dach. Denn viele seien mit dem "Rind" groß geworden, während zugleich jüngere Generationen nachkommen.

Rüsselsheim: Demos gegen Startbahn West

In seiner Laudatio folgte der Kulturwissenschaftler Professor Wolfgang Schneider den Anfängen des Kulturpreisträgers und fand Demonstrationen gegen den damaligen Bau der Startbahn West, deren Bürgerinitiativen sich im "Freien Kulturcafé Haßloch" und im Gasthaus "Zum grünen Baum" trafen, das zwischen 1981 und 1988 als Jugendcafé diente.

1992 gründeten Andreas Andel, Dirk Eisenhauer, Frank Walther, Stefan Limbach, Christian Müller und andere den "Verein für Freizeit und Kultur", den Grundstein des späteren Kulturzentrums "Das Rind". Schon die Aufzählung der vielen Bandauftritte und anderen Veranstaltungen der nächsten Tage wie in der Laudatio genannt, bot einen beeindruckenden Einblick in das vielseitige kulturelle Programm des Kulturzentrums in der Mainstraße 11.

Schneider befragte für seine Laudatio auch Personen aus dem kulturellen Umfeld über die Stellung des "Rinds". Karin Krömer, Leitung Kultur und Theater, nannte es die wichtigste kommunale Begegnungs- und Kulturstätte. Denn dort gebe es Programm für viele Alters- und Interessengruppen, aber auch eine politische Haltung. Sie schätze die "institutionalisierte Initiative als Knotenpunkt eines kulturellen Netzwerkes". 

Rüsselsheim: Mit Herzblut gestaltet

Redakteur und Jazzfan Stephan Dudek äußerte: Trotz öffentlicher Förderung agiere das "Rind" unabhängig, mal für ein Dutzend Fans, mal gut gefüllt, auf gar keinen Fall Mainstream oder aus monetären Gründen aktiv, in guter kammerspielartiger Atmosphäre, eben nah dran an den Künstlern. Bürgermeister Dennis Grieser (Grüne) schätzt das Herzblut, mit dem das Angebot gestaltet werde, die Selbstverwaltung und das Schaffen am Puls der Zeit. Die Jury war dem Vorschlag von Stefan Kasseckert, Mitorganisator des Trebur-Open-Air, gefolgt, das "Rind" als Kulturpreisträger auszuloben.

Jurymitglied Schneider zitierte in seiner Laudatio auch kritische Worte. Denn das Verhältnis von Stadt und "Rind" sei nicht immer unproblematisch gewesen. "Lange wirkten Vorurteile, pflegten manche in der Stadtgesellschaft das Bild vom ,Rind' als linke Gruppe oder einer Kifferbande oder schlechthin als die Partyszene." Als Mitglied der "Liste Rüssel", die Teil der Stadtverordnetenversammlung war, erinnert sich Florian Haupt daran, auf der einen Seite Kritik am System geübt zu haben und andererseits Teil desselben zu sein. Schneider zitiert Haupt in der Laudatio: "Mittlerweile sieht er sich und sein Team domestiziert, aber ganz und gar nicht gezähmt."

"Rind"-Betreiber Haupt selbst stellte sich als Stellvertreter für ein Haus, eine Ortschaft, eine Idee, vielleicht auch ein Lebensgefühl an das Mikrofon. Viel Dank hatte er zu verteilen an alle, die am "Rind" mitgearbeitet haben und noch arbeiten. Dazu gehörten auch einige "Altrinder" wie Christian Vogt oder Andreas Andel, die zur Kulturpreisverleihung gekommen waren.

Dass das "Rind" politisch ist, unterstrich Haupt mit seinen Schlussworten. Die AfD strebe an, alle Mittel für soziokulturelle Zentren zu streichen. Für ihn sei das ein Kompliment. Denn für ihn gelte das Motto: "Lebe so, dass die AfD dich verbieten will." 

Susanne Rapp

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