Nach 330 Schüssen fällt der Adler

Schützenverein ehrt seinen König und die Ritter

Eine alte und beliebte Tradition ist bei Schützenvereinen das alljährliche Königsschießen. Bei dem wird nicht auf Scheiben, sondern auf einen hölzernen Adler angelegt. Frischgebackene Ritter und der Schützenkönig selbst wurden bei der Königsfeier des Schützenvereins 1862 Rüsselsheim am Samstag im Turnerheim des TV Königstädten gefeiert.

Es war an einem Sonntagmorgen, das Wetter nicht ganz so kaiserlich wie in den vorhergehenden Wochen, als sich 25 Schützen trafen, darunter auch drei weibliche Schützen, um den neuen Schützenkönig zu ermitteln. Seinen Ursprung, so Vorsitzender Gerhard Summ, habe dieser Brauch bereits im 12. Jahrhundert. In Zeiten, in denen es noch keine Feuerwaffen gab, wurde ein toter Sperling auf einem Pfahl als Opfergabe für eine gute Ernte um das Dorf getragen. Der Vogel wurde anschließend mit Pfeil und Bogen herunter geschossen. Der Bauer, dessen Schuss den Vogel zu Fall brachte, sollte – so der Glaube – im kommenden Jahr eine besonders reiche Ernte einfahren. Aus dem armen Sperling wurde mit der Zeit ein hölzerner Vogel, auf den zunächst mit der Armbrust, später mit einer Feuerwaffe gezielt wurde.

Der Vogel, auf den die Vereinskameraden des Schützenvereins schossen, ist etwa 60 mal 60 Zentimeter groß, hat ausladende gespreizte Schwingen und einen gekrönten Kopf. Es gibt drei Markierungen in Form weißer Flecken, auf die gezielt werden muss. Zwei jeweils am Flügelansatz und einen direkt zwischen Kopf und Krone. Nacheinander geben die Schützen in festgelegter Reihenfolge einen Schuss ab. Zuerst ist der linke Flügel dran. Wer den zum Fallen bringt, wird zweiter Ritter. In diesem Jahr holte sich Gerhard Klein den Titel. Dann ist der rechte Flügel dran, mit dem der erste Ritter ermittelt wird. Dominic Drozd machte den Vogel in diesem Jahr flugunfähig.

Die Krone fiel in diesem Jahr nach einem Schuss von Peter Steinfurth. Der war vor vier Jahren schon einmal Schützenkönig und freute sich, die schwere Königskette wieder tragen zu dürfen. Aller guter Dinge seien Drei und Steinfurt solle sich mal anstrengen, auch im kommenden Jahr noch mal König zu werden. Ein wenig schwer fiel es dann auch noch dem Schützenkönig des Vorjahres, Aleksander Perica, die Kette an seinen Nachfolger abzutreten. Als kleine Abfindung bekam er dafür den Erinnerungsorden angesteckt.

Es habe, erinnert sich Summ, auch schon Schützenköniginen gegeben. Und in Zeiten, in der der Verein viele Schützinnen hatte, ermittelten die Damen mit einem eigenen Adler ihre Schützenkönigin.

So einen Vogel klein zu bekommen, ist kein leichtes Unterfangen. Denn es braucht einiges an Munition, bis es geschafft ist. Manchmal komme es vor, dass so ein Flügel nur noch an einem winzigen Stück hänge, man aber jede Menge Schüsse brauche, um eben dieses Bisschen zu treffen. „330 Kugeln waren es in diesem Jahr. Das klingt viel, liegt aber durchaus im Durchschnitt“, so der Vorsitzende. Der zweite Ritter war nach 168 Schuss ermittelt, 101 Schüsse später stand der erste Ritter fest. Und dann waren es noch 61 Schüsse, bis die Krone fiel. Spaß scheint das Königsschießen bis heute zu machen. Denn sonst wäre der uralte Brauch, bei dem nun kein Sperling mehr sein Leben lassen muss, längst ausgestorben.

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