Interview

Stefan Sauer: Endlich Zeit für Sachpolitik

Der Streit in der Groko, das Debakel der CDU bei der Landtagswahl und nun das Gezerre um die Ausrichtung seiner Partei – es gibt viel zu bereden mit dem Bundestagsabgeordneten Stefan Sauer (CDU) aus dem Wahlkreis Groß-Gerau. Echo-Redakteur Olaf Kern traf ihn zum Gespräch.

Herr Sauer, wie lautet Ihre Analyse der zurückliegenden Landtagswahl in Hessen?

STEFAN SAUER: Dass wir am Ende beide Wahlkreise gewonnen haben, ist für uns gut und wichtig. Mit Erst- und Zweitstimmen liegen wir im traditionell eher rot geprägten Kreis vor der SPD. Ich habe jedoch nicht damit gerechnet, dass es bei Ines Claus so knapp werden würde. Interessant auch: Manche Wähler haben die CDU-Kandidatin im Wahlkreis gewählt, aber mit der Zweitstimme einer anderen Partei den Vorzug gegeben. Zu erkennen ist, dass die Menschen viel bewusster wählen als früher.

Trotzdem gab es herbe Verluste für die CDU. Besonders in den Großstädten, dort gingen einige Direktmandate ausgerechnet an die Grünen. Hat die CDU unter Bouffier in der Regierung mit den Grünen zu viel an Profil abgegeben?

SAUER: Die Gründe für die herben Verluste liegen eher in Berlin. Leider. Es waren die Themen, die über alle Köpfe hinweg diskutiert wurden: Der unsägliche Streit in der Union zwischen CDU und CSU, die Dieselfahrverbote oder auch das Thema Hans-Georg Maaßen. Umso erstaunlicher, da der Streit in der Union eigentlich nur auf Spitzenebene geführt wurde. Unter uns Abgeordneten gab und gibt es überhaupt keine Konflikte. Für uns war das alles unerträglich. Und bedauerlich, da Volker Bouffier die zahlreichen Probleme im Bund mit seinem Regierungsteam in Hessen und bei den Landtagswahlen nicht mehr ausgleichen konnte.

Sie haben 2017 ihr Bürgermeisteramt gegen ein Bundestagsmandat eingetauscht. Bereuen Sie denn Schritt aus heutiger Sicht?

SAUER: Nein, bereut habe ich es nicht. Der Bundestag bietet viele Möglichkeiten, Themen zu vertiefen und neue Kontakte zu knüpfen. Gleichwohl fehlt mir dort natürlich das Vertraute. In Groß-Gerau kannte ich meine Verwaltung und alle entscheidenden Personen. In Berlin müssen sie sich in einer Runde von 709 Abgeordneten erst einmal positionieren. Die Wochen sind außerdem terminlich sehr eng getaktet. Und an den Wochenenden ist mir eine hohe persönliche Präsenz in meinem Wahlkreis wichtig.

Sie sind damals angetreten, um sich unter anderem für eine Reduzierung der Bürokratie in Berlin einzusetzen. Wie weit sind Sie mit dieser Arbeit schon vorangekommen?

SAUER: Noch gar nicht. Ich wollte mich dafür einsetzen, dass Behörden die Chance haben, sich in elektronischen Prozessen untereinander zu vernetzen. Personell ist dieses Thema anders besetzt worden. Ich werde aber sicher darauf zurückkommen.

Wie sehr schmerzt Sie es, dass die eigene Sacharbeit von der Auseinandersetzung in der Union und in der Großen Koalition überlagert wurde?

SAUER: Das ist sehr schmerzlich. Wir haben damit viel Zeit verschenkt. Dieses Durcheinander jeden Tag zu ertragen, war für mich oft nicht einfach. Wenn wir in der Fraktion zusammensitzen, kann es passieren, dass die Kanzlerin etwas mitteilt, und es wird im selben Moment nach außen getwittert. Unsäglich. Wenn das nur annähernd bei mir im Magistrat so gelaufen wäre, hätte ich das sofort untersagt. In Berlin ist das aber so einfach nicht möglich. Ich erlebe derzeit wohl die politisch turbulentesten Zeiten, die ich je mitgemacht habe.

Wie sehr hat Sie die Entscheidung von Frau Merkel kalt erwischt, als Vorsitzende der CDU nicht mehr anzutreten?

SAUER: Gar nicht. Für mich war nur die Frage, welchen Zeitpunkt sie wählt. Mir wäre es sogar lieber gewesen, wenn sie es noch vor der Hessenwahl bekanntgegeben hätte. Fraktionsintern hat die Kanzlerin schon länger gespürt, dass etwas passieren muss. Spätestens seit der Ablösung des Fraktionsvorsitzenden Kauder. Jetzt haben wir endlich wieder eine Perspektive. Endlich treten Politiker aus der zweiten Reihe hervor, die gute Leute sind.

Trotzdem geht das Gezerre um die Ausrichtung der Partei jetzt erst richtig los. Ist Friedrich Merz der richtige Mann, für den Zusammenhalt in der CDU und in der Gesellschaft zu sorgen?

SAUER: Friedrich Merz stillt in der Partei sicher den Durst, wieder mehr Politik aus Unternehmersicht zu machen. Ganz nach einem Satz von ihm, der mir sehr gut gefällt: Geld muss erst verdient werden, bevor es verteilt werden kann. Diese Sicht braucht es. Inwieweit man es ihm zutraut, den Parteivorsitz auszufüllen, wird sich zeigen.

Was halten Sie von der Idee, dass die Kandidaten sich in Regionalkonferenzen, ähnlich wie bei der SPD, den Mitgliedern vorstellen?

SAUER: Das wird ganz sicher so kommen. An ein Mitgliedervotum glaube ich nicht, weil wir da ganz anders aufgestellt sind.

Auch Jens Spahn hat sich beworben. Was hat er für Eigenschaften, die Frau Merkel nicht hat?

SAUER: Jens Spahn hat mit 38 Jahren die Gunst des jungen Alters und einen enormen Gestaltungsdrang. Jetzt muss er als Gesundheitsminister zeigen, was er in der Lage ist zu leisten. Aufgestellte Forderungen müssen auch erfüllt werden.

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