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Johannes Ohlert (l.) und Manfred Liedtke im Herzstück der Sternwarte: Das Spiegelteleskop hat einen Durchmesser von 1,20 Meter.

Groß-Gerau

Trebur greift nach den Sternen

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Eines der größten Teleskope Europas steht in Trebur. In der Gemeinde im Kreis Groß-Gerau plant die dort ansässige Astronomie Stiftung einen einzigartigen Astropark.

Wer ins beschauliche Trebur kommt, wird nicht vermuten, dass hier eines der größten öffentlich zugänglichen Teleskope Europas auf einem Seniorenheim steht. Seit 1997 veranstaltet die Astronomie-Stiftung Trebur hier im Michael-Adrian-Observatorium nicht nur öffentliche Himmelsführungen mit großem Besucherandrang, sondern auch handfeste Forschung. Die betreibt vor allem Johannes Ohlert, der an der Technischen Hochschule Mittelhessen Experimentalphysik und Astronomie lehrt. 2002 entdeckte Stiftungsmitglied Mike Kretlow mit dem 1,20-Meter-Durchmesser-Spiegelteleskop einen Asteroiden. Er wurde nach der Gemeinde im Kreis Groß-Gerau „Trebur“ getauft.

Aktuell ist man laut Ohlert gemeinsam mit Forschern auf der ganzen Welt dabei, Exoplaneten aufzuspüren. Im Visier ist derzeit ein Stern namens WASP-12 im Sternbild Fuhrmann. Er wird von mindestens einem Planeten umkreist, in dessen Atmosphäre Wasserdampf nachgewiesen wurde.

Im Observatorium werden bei Vorträgen und Führungen derzeit Visualisierungen in die Kuppel projiziert.

Dass das Teleskop mitten im Wohngebiet steht, geht auf den Stiftungsgeber und Initiator Michael Adrian zurück. Der Architekt, Pflegeheimbetreiber und leidenschaftliche Hobbyastronom wünschte sich eine eigene Sternwarte. Aber sie sollte sich dort befinden, wo das Leben pulsiert, nicht irgendwo auf einem Berg, wo man des nächtens auf dunklen, verschlungenen Pfaden hinfahren muss. „Ich dachte immer: Es müsste doch eine Sternwarte mit guter Erreichbarkeit geben“, sagt Adrian. 

Trotz der Lichtverschmutzung, die sich zwangsweise so nah an einer Stadt ergibt, „rechtfertigen die Ergebnisse den Standort“, sagt Ohlert. Und die kurzen Wege seien von Vorteil. Manchmal kämen sogar Bewohner des Altenheims zum Kinoabend ins Planetarium oder Kinder der daneben gelegenen Kindertagesstätte, die Adrian ebenfalls gebaut hat.

Modell eines Pavillons im geplanten Astropark.

Die Vermittlung von Wissen über Astronomie und Astrophysik ist erklärtes Stiftungsziel. Ein Planetenweg zwischen Trebur und Rüsselsheim, auf dem ein Modell unseres Sonnensystems erwandert werden kann, geht auch auf das Engagement der Stiftung zurück.

Jetzt ist der nächste Coup geplant: Die Stiftung will auf 4000 Quadratmetern neben dem Schwimmbad einen bislang nicht da gewesenen Astropark bauen - natürlich in Trebur. Seit acht Jahren schon existiert die Idee, die auf Mediendesigner und Stiftungssprecher Manfred Liedtke zurückgeht. Doch jetzt kommt Bewegung in das Projekt: Kürzlich stimmte der Kreis einem dafür notwendigen Flächentausch zu, so dass nun der Bauantrag gestellt werden könne, wie Adrian sagt. Baubeginn soll im März sein, Eröffnung im Herbst 2020 – so der ehrgeizige Zeitplan.

Sterne gucken
Wenn Merkur am Montag, 11. November, vor der Sonne vorbeizieht, wird bei klarer Sicht ab 13.30 Uhr auf dem Planetenweg in Trebur eine öffentliche Sternenbeobachtung stattfinden.

Die nächsten öffentlichen Führungen im Observatorium, Fichtenstraße 7, finden jeweils Mittwochabends am 6. und 20. November, sowie 4. und 18. Dezember ab 19 Uhr statt. Eintritt frei.

Das T1T genannte Teleskop hat einen Spiegeldurchmesser von 1200 Millimeter und eine effektive Brennweite von 9510 Millimeter. Es kann 40 000 mal mehr Licht aufnehmen als das menschliche Auge. cka

Infos und Termine unter homepages-fb.thm.de/jomo/t1t.htm

Anfragen zu Führungen unter Telefon 06147 / 50000 oder E-Mail an t1t-trebur@gmx.de

In zehn von 15 oktagonförmigen Containern von jeweils 70 Quadratmetern Fläche sollen verschiedene astronomische Ausstellungen in Form von Videoprojektionen und Livebeobachtungen, verknüpft mit virtueller Realität (VR), entstehen. Die Zuschauer könnten laut Projektentwurf in der Mitte der vier Meter hohen Hallen stehen und die Präsentationen verfolgen. Die einzelnen Räume sollen durch Schleusen miteinander verbunden sein, in denen Monitore auf das Thema der jeweils folgenden Halle vorbereiten. „Die Herausforderung wird sein, die logische Schnittstelle zur virtuellen Realität zu finden“, sagt Liedtke.

Die Idee für den „astroparc“ hatte Liedtke 2005 bei einem Sardinienurlaub. Damals wollte er mit seinem tragbaren, 40 Kilogramm schweren Teleskop am Strand den Sternenhimmel beobachten. Nur kam er nicht dazu. Denn schnell hatte sich eine Menschenmenge um ihn gebildet, die ebenfalls einen Blick ins Universum werfen wollte. „Die Leute standen Schlange, später in der Nacht kamen noch die Pizzabäcker“, erzählt Liedtke. Dabei sei ihm bewusst geworden, wie groß das Interesse ist.

Zunächst betrieb er testweise auf Sardinien einen Astropark, für den er allerdings keine Genehmigung erhielt. Jetzt gerät Liedtke, der in seinem anderen Leben wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mediengestaltung an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz ist und auch für den nordrheinwestfälischen Galileopark Ausstellungen konzipiert hat, ins Schwärmen, wenn er von dem Projekt in Trebur spricht. Ein Beispiel: Acht Beamer projizieren den Mondhorizont an die Wände, in der Mitte des Raums steht das von der Stiftung bereits nachgebaute Mondmobil. Sobald man einsteigt und die VR-Brille überzieht, geht die Fahrt über den staubigen Erdtrabanten los. Die perfekte Illusion.

Dabei sollen alle Darbietungen streng auf wissenschaftlichen Fakten beruhen, betonen Liedtke und Ohlert. Anvisiert sind Präsentationen zu grundlegenden astronomischen Themen. Dabei seien aktuelle Bezüge wie Finsternisse, Kometen, Planeten, Sonne und Mond besonders wichtig, um eine Verzahnung mit der Livebeobachtung – wenn immer möglich – zu gewährleisten.

So ähnlich könnte es aussehen: Ein Nachbau des Mondmobils, der bereits im Galileo-Park in Lennestadt zu sehen ist.

Neben den Aufnahmen, die vom Michael-Adrian-Observatorium stammen, soll auch Originalmaterial von Nasa, Esa oder Cern (Europäische Organisation für Kernforschung) verwendet werden. Zudem ist geplant, im Außenbereich kleinere Teleskope, ein Modell von der Milchstraße und Sternenkarten aufzustellen. Im Liveplanetarium sollen Besucher im Freien in schwenkbaren Sesseln den Sternenhimmel mit bloßen Augen beobachten und mittels Kopfhörer Informationen über Himmelsmechanik und bestimmte Himmelsphänomene bekommen. Ein Shuttlebus soll die Besucher bei aktuellen Beobachtungen zur 600 Meter entfernten Sternwarte transportieren.

Auch Galaxien, wie hier die Whirlpool-Galaxie im Sternbild Jagdhund, nimmt die Sternwarte in Trebur den Blick...

Da alles in Eigenregie erarbeitet werden soll, rechnet Liedtke damit, dass die verschiedenen Ausstellungen erst nach und nach gezeigt werden können. Bis ins Detail geplant hat er zum Beispiel schon, dass die 15-minütigen Sequenzen, die auf 360 Grad innerhalb der Pavillons gezeigt werden, für jüngeres oder älteres Publikum konzipiert werden und auf Knopfdruck einspielbar sind.

Der Park soll zunächst freitags bis sonntags dem Laufpublikum offenstehen und unter der Woche für Schulklassen, Kindergärten oder Firmenevents geöffnet werden. Es klingt wie eine Mammutaufgabe, die die bislang rein ehrenamtlich arbeitende Stiftung unter Einbeziehung von Fremdfirmen stemmen will. Adrian rechnet für diesen „einzigartigen“ Park mit Projektkosten von bis zu zwei Millionen Euro, wie er sagt. Was ihn von anderen unterscheidet, ist laut Liedtke die Kombination aller Komponenten: „Das gibt es bisher so noch nicht.“

Von Claudia Kabel

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