Die Laurentiuskirche in Trebur: Pilger können sich hier ihren Stempel abholen. Foto: Anna Grösch
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Die Laurentiuskirche in Trebur: Pilger können sich hier ihren Stempel abholen.

Heimatgeschichte

Auf den Spuren des Reformators

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Der Rüsselsheimer Historiker Professor Ernst Erich Metzner hat den Lutherweg genauer untersucht. Er glaubt, dass der Reformator die Verbindung einer älteren Fernwegführung über Königstädten, Nauheim und Trebur genommen haben könnte.

Fürs Pilgern, dafür gibt es nicht "den einen Grund". Manch einer hat einen Schicksalsschlag erlitten, eine andere eine schwierige Trennung durchgemacht, der nächste vielleicht gerade eine schwere Krankheit überstanden. "Die Menschen machen das quer durch alle Schichten", berichtet Andrea Erdmann. Sie ist Gemeindesekretärin der Evangelischen Gemeinde Astheim und Trebur. Doch nicht nur das, Erdmann ist ausgebildete Pilgerführerin und selbst schon mehrmals als Pilgerin unterwegs gewesen.

Zwei Mal ist Andrea Erdmann den Jakobsweg gelaufen, den Lutherweg, der quasi direkt an ihrer Arbeitsstelle vorbeiführt, mehrere Male abschnittsweise. Trebur ist ein Ort der Lutherverehrung, die Luther-Statue in der Laurentiuskirche ein Höhepunkt auf dem Weg der Pilgernden von Worms zur Wartburg - oder anders herum.

Weg ist schwer nachzuvollziehen

Wo genau aber der Reformator Martin Luther wirklich seine Fußstapfen hinterließ, das ist bis heutig nicht zweifelsfrei geklärt. "Es gibt Orte, wo er sicher war", sagt Wolfgang Kraft von der Gesellschaft Heimat und Geschichte in Trebur. "Wo er unterwegs langgekommen ist, ist allerdings in ganz Hessen umstritten." Der Rüsselsheimer Heimatforscher Professor Dr. Ernst Erich Metzner hat den Weg genauer untersucht. Er glaubt, dass Luther die Verbindung einer älteren Fernwegführung über Königstädten, Nauheim und Trebur genommen haben könnte. "Es handelt sich um eine Verbindung zwischen Worms und Frankfurt, die über den lange vor Groß-Gerau bedeutenden königlich-kaiserlichen Residenzort Trebur führte." Kraft, von der Gesellschaft Heimat und Geschichte, sagt, den genauen Weg könne man nicht nachvollziehen.

Aber er bringt eine weitere interessante Überlegung ins Spiel: "Vielleicht wollte Luther auch keine große Leitstraße gehen. Er war mancherorts nicht so beliebt und ist teilweise auch durch sehr katholisches Gebiet gegangen." Den genauen Weg des Reformators nachzuvollziehen, ist also Jahrhunderte später nicht mehr machbar. Aber vielleicht tut es auch nicht so viel zur Sache, denn nichtsdestotrotz wandeln noch heute Menschen auf seinen Spuren. Im Jahr 2021 allerdings aus anderen Gründen als im 16. Jahrhundert.

"Manche gehen aus religiösen oder spirituellen Gründen los, andere auch aus sportlichen oder kulturellen", führt Pilgerführerin Andrea Erdmann auf. "Manche wollen Antworten auf ihre Fragen finden." Beim Pilgern beschränke man sich auf das Nötigste, lasse jeden Komfort hinter sich. Das beginne schon beim Packen des Rucksacks, denn "jedes Gramm wiegt", so Erdmann.

Dem kann vielleicht nicht jeder etwas abgewinnen, aber Erdmann beschreibt einen kathartischen Effekt, der sie am Pilgern fasziniert: "Es ist eine interessante Auseinandersetzung. Zuerst setzt man sich mit dem eigenen Körper auseinander. Wenn das überstanden ist, kommen viele Gedanken aus dem Alltag, die schließlich zur Ruhe kommen." Erdmanns persönliches Highlight auf einem Pilgerweg sei es, wenn man beginne, sich keine Gedanken über Alltagsprobleme mehr zu machen und schließlich zur Ruhe komme.

"Es ist eine Reise zu sich selbst. Mit allen Herausforderungen, die das mit sich bringen kann." Man erlebe die Landschaft, die Kirchen und die Menschen sehr intensiv und achtsam.

Diesen Effekt erreiche man allerdings nur, wenn man über einen längeren Zeitraum unterwegs ist. "Zwei, drei Tage kann man natürlich auch pilgern, aber da ist der Effekt ein bisschen anders."

Erdmann selbst leitet auch Pilgergruppen an, dass sei noch einmal eine andere Erfahrung. "Es macht einen Unterschied, ob man alleine oder in einer Gruppe unterwegs ist. Kürzere Etappen kann man mit anderen Menschen noch einmal ganz neu erleben." Unterwegs werde dann gemeinsam gebetet, gesungen oder auch in absoluter Stille gegangen. Manche Gruppen tragen sogar ein Kreuz mit sich.

Wenig Pilger wegen Corona

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie sei auf dem Lutherweg allerdings weniger los als in den Jahren zuvor, berichtet Erdmann. "Er wird deutlich weniger genutzt. Auch nach Übernachtungen wird nicht mehr gefragt. Mein Eindruck ist, dass die Leute eher Tagestouren machen."

Ab und zu wendeten sich Leute an sie, die fragen, ob die Laurentiuskriche geöffnet sei. Die Stempel für den Pilgerpass liegen dort aus, die Pilger können sich ihren Stempel selbst abholen. Gruppen seien sowieso nicht mehr auf dem Lutherweg unterwegs, der in seiner gesamten Länge rund 400 Kilometer umfasst. Die Treburer sind auf dem Weg eingebunden. "Manche haben sich bereit erklärt, Übernachtungsmöglichkeiten für Pilger bereit zu stellen", erklärt Andrea Erdmann. "Wir haben auch Paten, die nach den Beschilderungen schauen und die Wege pflegen." Anna Grösch

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