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Geschäftsaufgabe

Inhaberin Anja Stosius verabschiedet sich von ihren langjährigen Kunden

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Eigentlich hätte Anja Stosius den Laden gerne noch länger geführt. Doch die Konkurrenz ist groß, die Kunden bleiben aus.

Die Tür geht auf. Ein älterer Herr betritt das Schreibwarengeschäft an der Treburer Hauptstraße. Er ist ganz in schwarz gekleidet, trägt eine dunkle Filzmütze auf dem weißen Haupt, denn draußen herrscht nass-kaltes Herbstwetter. „Macht ihr zu?“, fragt er die Ladeninhaberin Anja Stosius und ihren Mann Gernot mit vor Erstaunen hochgezogenen Augenbrauen. Als beide nicken, ruft er kurz: „Ach, du lieber Gott!“, um dann verhalten „schade“ hinzuzufügen. Kurz darauf verabschiedet er sich und geht.

Der Senior hatte beim Vorbeigehen die bunten Schilder im Schaufenster gesehen – „Räumungsverkauf 50% auf das gesamte Sortiment“. Er ist nicht der erste. Seit Montag ist es offiziell: „Unser Laden“ schließt nach 15 Jahren; viele Stammkunden schauen noch einmal vorbei. Grund für den Räumungsverkauf ist die große Konkurrenz der Discounter wie Globus, Aldi und Rossmann. „Schreibwaren bekommt man mittlerweile überall“, sagt Anja Stosius. Auch wenn die Discounter nicht immer die günstigeren Preise haben, so fahren die Menschen doch meist zuerst dorthin, als im Laden um die Ecke einzukaufen.

Weniger Kunden

Stosius weiß, dass die Zeichen der Zeit nicht gut für kleine Geschäfte stehen – auch nicht für ihren Laden. „Ich denke nicht, dass ich bis zur Rente noch hier arbeiten kann“, sagt die 52-Jährige – die Verkaufszahlen gehen zurück. Sie wolle nicht zu lange warten, noch könne sie sich beruflich neu orientieren. Leicht war ihr die Entscheidung nicht gefallen. „Meine beiden Söhne sind mit dem Geschäft groß geworden“, sagt sie mit feuchten Augen. „Ich habe viele Kinder aus dem Ort aufwachsen sehen, ihre Eltern haben hier Schulbedarf eingekauft.“ Zu Schulbeginn brachten die Eltern die Materiallisten vorbei und Anja Stosius packte die Tüten mit allem, was die Schüler für den Start brauchten. Auf Wunsch ihrer Kunden habe sie ihr Sortiment um den ein oder anderen Artikel erweitert.

Der Kundenkontakt ist Stosius wichtig. Nicht nur Eltern treten über die Türschwelle, auch Senioren kommen gerne mal auf ein Schwätzchen vorbei. Dafür müssen sie vier Stufen erklimmen. „Ich stelle ihnen dann einen Stuhl an die Tür, damit sie sich erholen können, und wir unterhalten uns ein paar Minuten.“

Geduldige Zuhörerin

Seit 22 Jahren wohnt Anja Stosius mit ihrem Mann in Trebur. Davon war die gelernte Floristin 15 Jahre lang Ladeninhaberin, Verkäuferin und geduldige Zuhörerin. „Ich könnte ein ganzes Buch mit Anekdoten füllen“, sagt sie. 3000 Artikel füllen die Regalwände, von Stiften und Papier über Bastelmaterialien bis hin zu Postkarten und Süßigkeiten für die kleinen Kunden.

„Ich bin eine Basteltante“, verrät Stosius. Ihr Hobby teilte sie mit Gleichgesinnten bei diversen Kursen, etwa in Serviettentechnik. Das war aber nicht der Grund für die Eröffnung: „Damals hatten wir im Ort kein Schreibwarengeschäft, obwohl hier die Grundschule und die Mittelpunktschule sind“, erklärt Stosius. Im März 2004 eröffnete sie den Laden in der Theobaldstraße, vier Jahre später zog „Unser Laden“ in die Hauptstraße um – gerade einmal fünf Gehminuten von ihrem Zuhause entfernt. „Hier war mehr los. Früher gab es noch Penny und Tengelmann in der Innenstadt, es war ein Kommen und Gehen“, erinnert sich Stosius an Zeiten, in denen das Geschäft noch besser lief.

Die Zeiten haben sich geändert, größere Einkäufe erledigten viele Treburer nun in den Gewerbegebieten außerhalb des Ortes. Am 31. Dezember 2018 öffnen sich die Türen des Schreibwarengeschäftes ein letztes Mal. Wie geht es für Anja Stosius weiter? Eine konkrete Stelle habe sie noch nicht. „Der Januar gehört mir“, sagt sie entschlossen. Sie brauche die Zeit, um sich neu zu orientieren und von „Unserem Laden“ Abschied zu nehmen.

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